Landesmuseum Joanneum Museumsquadrant

Graz / Steiermark

2006

Generell

 

Ausgehend von den seitens des Auslobers bereits festgehaltenen Absichten, versucht dieses Projekt, den öffentlichen Raum um das Joanneum neu zu formulieren und den „städtischen Raum im Museum“ zu einem wesentlichen Gedanken des Entwurfes werden zu lassen. Dies bedeutet selbstredend nicht, den drei Bereichen - Naturwissenschaften, Kunstwissenschaften, Landesbibliothek - die aus der Geschichte des Joanneums legitimierte Bereichsautonomie zu rauben. Im Gegenteil: es geht darum, diese immer wieder durch räumliche Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten aufzuwerten.

 

1. Willkommen. Das Joanneum öffnet seine Tore

 

Das Joanneum bleibt im Erdgeschoss frei zugänglich und auch durchlässig für Fußgänger. Der Renaissancehof wird Teil des Innenhofparcours, der über die Herrengasse, den Rathaushof bis hin zur Mur führt. Gleichfalls ist der ehemalige botanische Garten von der Kalchberggasse jederzeit zugänglich und bietet einen freien Durchgang zur Landhausgasse. Diese freien Zugänge sind von großer Wichtigkeit für eine öffentliche Wahrnehmung des Joanneums und bieten über den Museumsbetrieb hinaus Möglichkeiten einer städtischen Besetzung. Wohl aber weisen ein großer abgesenkter Innenhof mit themenbezogenem botanischem Konzept und eine Deckenauffaltung oberhalb des Museumshops mit Erschließung über eine Sekundärtreppe in diesen Freiräumen auf das darunter liegende Besucherzentrum hin.

 

2. Missing link. Der neue Hauptzugang des Joanneums

 

Vorgesehen ist die Errichtung eines neuen Eingangsgebäudes an der Landhausgasse mit einem städtebaulich prägnanten Volumen, mit Zugang zum Besucherzentrum, zur Landesbibliothek und zu einem ebenerdigen Café. Über eine gemeinsame Plattform gelangt man mittels Rolltreppen nach unten in das neue Besucherzentrum oder in die Landesbibliothek. Errichtet in Weißbeton, mit nutzungsbedingtem Inlet (Akustik etc.),  esamte volumen eschossige räumebibliothek sind über zweigeschossige räume verbunden, aukstätten belichtet. htige ver gibt es große Öffnungen für Bibliothek, Lesesäle, Verwaltung, während im Bibliotheksspeicher nur die Restaurierungswerkstätten belichtet sind. Lesesäle und wichtige Bereiche wie Fachbibliothek und Verwaltung sind über zweigeschossige Räume verbunden. Das Besucherzentrum im Tiefgeschoss ist somit ein öffentlicher, während der Öffnungszeiten frei zugänglicher Raum und versteht sich gleichzeitig als Verbindungsglied zwischen den beiden Bestandsbauten des Joanneums: Es zielt darauf ab, Funktionsabläufe, logistische Aspekte und andere Überlegungen zu einem zeitgemäßen „Ort der Ausstellung, Vermittlung und Forschung“ auf eine Weise zu artikulieren, die die Würde dieser beiden Bauten trotz ihrer stilistischen Verschiedenheit nie in Frage stellt, zumal genau diese identitätsstiftende Bestandteile des Joanneums als Gesamtidee sind.

 

3. Neu sortiert. Der Museumparcours schließt sich

 

Der naturwissenschaftliche Bereich an der Raubergasse wird um das Gebäude der ehemaligen Landesbibliothek erweitert, in welchem die Büros und wissenschaftlichen Labors untergebracht werden. Somit ist eine Freispielung potentieller Museumsräume möglich und eine Parcourslogik gegeben. Die Räume im Erdgeschoss, ausgenommen das Bergwerk und ein Seminarbereich im nördlichen Teil, sind frei von Museumsnutzung. Der Renaissanceinnenhof kann öffentliche Funktionen und Veranstaltungen aufnehmen, ist, wie erwähnt, frei zugänglich und erlaubt eine schnelle Erreichbarkeit des Besucherzentrums, ohne den historischen Zugang mit der Portalaufschrift „Joanneum“ obsolet werden zu lassen. Für die wenigen Restflächen im Gebäudeinneren wird eine kompatible Fremdnutzung vorgeschlagen. Der kleinere Innenhof, der erdgeschossig bis an die ehemalige Landesbibliothek herangeführt wird, kann flexibel als abgeschlossener, nicht frei zugänglicher Raum für museale oder museumsdidaktische Nutzungen verwendet werden und ist vom Besucherzentrum (Zugang Bergwerk) oder vom Haupttreppenhaus aus erreichbar. Die ehemaligen erdgeschossigen Bibliotheksräume im westlichen Renaissancebau könnten ein fremdgeführtes Restaurant zum Garten beherbergen, welches zusätzlich zum Café am Haupteingang eine Bereicherung und Belebung des Gartens darstellen würde. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind - wie im Raumprogramm gefordert - die temporären Wechselausstellungsräume positioniert, im südlichen Teil des zweiten Obergeschosses die permanente Ausstellung. Ein neuer zweigeschossiger Brückenbau verbindet die hinteren südlichen Bereiche, der Rundparcours ist dadurch gewährleistet. Für das Dachgeschoss werden keine Museums- oder Verwaltungsnutzung vorgeschlagen, wohl aber können klimatechnische Aspekte überlegt werden, die nach Definition des Feinkonzeptes unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Vorgaben genauer zu artikulieren sind. Somit können massive Eingriffe in die historische Dachsubstanz vermieden werden. Im Übrigen wird für den naturwissenschaftlichen Bereich an der Raubergasse und die ehemalige Landesbibliothek eine konservatorische Restaurierung vorgeschlagen - mit allem was dazugehört: Oberflächenkartierung, Interpretation etc. Hier jedenfalls kein bewusst dialektischer Umgang mit historischer Bausubstanz im Sinne einer musealen Neuinterpretation, sondern eine Adaptierung mit Respekt vor dem Alterswert. Sehr wohl kann dieser zeitgenössische Aspekt durch Wechselausstellungen erbracht werden, die jedenfalls reversibel sind.

 

4. Neu interpretiert. Der kulturwissenschaftliche Bereich

 

Für den kulturwissenschaftlichen Bereich hingegen können diese Überlegungen ganz anders sein. Der neubarocke Bau war von Anfang an als Ausstellungsbehälter im Sinne einer Semper’schen Bekleidungstheorie konzipiert. Über Jahrzehnte haben dort verschiedenste Ausstellungen und Nutzungen stattgefunden und dem Gebäude wurden deshalb auch immer wieder neue Bauteile, Einbauten etc. hinzugefügt. Deshalb scheint es legitim all dies wieder zu entfernen und so einen Urzustand des Ausstellungs-gebäudes herbeizuführen - ohne es zu rekonstruieren. Einige Beispiele: die Treppenaufgänge an den Lichthöfen neu zu interpretieren; eine zeitgenössische Anbindung vom Besucherzentrum aus an das neobarocke Stiegenhaus zu schaffen; Infrastrukturen vorzusehen, die eine vielschichtige Bespielung eben als „Ausstellungsbehälter“ ermöglichen. „Neutralität“ im Sinne eines zeitgenössischen Ausstellungsbaus ja, nicht aber um jeden Preis: Sollten sich bestehende Oberflächen, Bodenbeläge und anderes als brauchbar für eine flexible Neunutzung erweisen, werden sie erhalten; umgekehrt aber auch keine zwanghafte konservatorische Dialektik und keine historisierende Rekonstruktion dort, wo für die neuen Infrastrukturen zeitgenössisches Selbstbewusstsein angebracht ist. Schließlich wird hier der Hauptzugang abgekoppelt, dient zukünftig als Zugang in einen eingefriedeten Ausstellungsgarten, was nicht ausschließt, dass für Vermietungen – wie im Ausstellungskonzept angedacht - dieser Zugang über das neue Gartentor auch weiterhin benutzt werden kann. Im zweiten Obergeschoss schließlich findet die Ton- und Bildstelle ihren Sitz, gleichfalls die Verwaltung. Zwei neue Aufsätze am Dachgeschoss dienen zusätzlich notwendigen Büroflächen und beinhalten auch die klimatechnischen Infrastrukturen.

 

5. Intarsie. Die “bucklige Welt“

 

Der die Gebäude verbindende ehemalige botanische Garten wird als ein grün-bestimmter Hof auf mehreren Ebenen gesehen. Von den vorhandenen Gehölzen könnte der Bestand entlang der Gartenmauer an der Kalchberggasse in einem schmalen Beet erhalten bleiben. Die Oberflächen sind begehbar und wasserdurchlässig gestaltet: Die wassergebundene Decke wird durch schmale Fugen aus Stainzerplatten gegliedert, diese orientieren sich an den Fassadenordnungen der beiden angrenzenden Bauten und verknüpfen sie. Die 8cm breiten Fugen werden mit Leptinella, Asplenium viride, Oenothera etc. bepflanzt. So entsteht in präzise definierten Bändern die Anmutung einer gleichsam wilden Natur. Der abgesenkte Patio ist als botanische Intarsie konzipiert: als immergrüner Farngarten. Auf Erdgeschoßniveau ist eine Brüstung mit Lehnmöglichkeit vorgesehen, um das Schauen von oben zu unterstützen.

Der Patio soll begehbar und museumspädagogisch nutzbar sein, um Pflanzengesellschaften zu zeigen. Durch eine bewegte Topographie („Die bucklige Welt“) werden die einzelnen Pflanzbeete in besonnte und halbschattige Bereiche differenziert. Die Wege verknüpfen die Zugänge an allen Seiten, Schneerosen, Haselwurz und Steinbrech begleiten die Pflanzpartien. Das Denkmal des Mineralogen Friedrich Mohs könnte weiterhin bestehen bleiben, aber auch in den geplanten Skulpturengarten an der Neutorgasse versetzt werden.

 

(Walter Angonese)

Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren

ARTEC Architekten mit Walter Angonese und Werkstatt Wien

Team ARTEC Architekten:
Bettina Götz und Richard Manahl
Nina Fessler, Panajota Panotopoulou, Ronald Mikolics, Irene Yerro
Modellbau:Anna-Maria Wolf

Team Werkstatt Wien:
Markus Spiegelfeld, Wolfgang Erhard

Visualisierungen: Ivan Zdenkovic (zdenkovic-gold) und Wolfgang Beyer (beyer.co.at)
Landschaftsplanung: Auböck + Kárász

Fotografie:
ARTEC Architekten (Modell)