Althan Quartier

Schaubild Althan Quartier / Wien 9

1. Preis Wiener Wohnbaupreis 2019

Anischt in der Wiesen Süd /  Bauteil ARTEC Architekten

Die Organäisten

Bettina Götz, ARTEC Architekten
Vortrag zum Symposion „Was bleibt von der Grazer Schule?“, TU Graz, 2010

Beitrag erschienen in Was bleibt von der Grazer Schule? Jovis Verlag, Berlin, 2012

 

Der Titel meines Vortrages bezieht sich auf einen Text von Helmut Richter, den er in der Architekturzeitschrift Um Bau no 8 zur Veröffentlichung des "Bad Sares" publiziert hat. [1]

 

Er spricht dort über die "Struktur des Ästhetischen", die er in einer "erfinderischen Ordnung, Prüfung und Neuordnung von Elementen, die nicht durch Klassenzugehörigkeit ausgezeichnet sind", sieht. Dieser kurze theoretische Text (2 Seiten DIN A4), der sich eben um "ästhetische Organäisation" dreht, war für uns durchaus ein Aha - Erlebnis: plötzlich war klar, daß eine individuelle Architekturarbeit in eine ebensolche individuelle Architekturtheorie eingebettet sein muss.

 

Helmut Richter und Heidulf Gerngross waren uns in der ZV Jubiläumsausstellung im Grazer Künstlerhaus Anfang der 80er Jahre als einzig interessante Architekten aufgefallen - arrogant waren wir im AZ 1 schon immer - sie zeigten ihr Haus Königseder und es war eine völlig andere Welt.

 

Gerngross, Richter, wie das Büro damals hieß, war zwar in Wien angesiedelt und in Wien tobte damals die Postmoderne, was uns in den Zeichensälen überhaupt nicht interessiert hat. Wir fanden natürlich schnell heraus, daß beide in Graz studiert hatten und wohl wesentliche Faktoren dieser Grazer Architekturszene waren - wenn auch mit geografischem Abstand.

 

Helmut Richter und Heidulf Gerngross waren vielleicht die ersten, die nach Wien ausgewandert sind, in unserer Generation sind dann nur noch wenige mit ihren Büros in Graz geblieben.

 

Dieses Haus Königseder, oder vielmehr die architektonische Haltung dahinter hat unsere Architekturentwicklung entscheidend geprägt: Der Umgang mit den ausgewählten Materialien, das Collagieren und Ausreizen jedes Details und die überzeugende skulpturale Qualität des fertigen Objektes.

 

"Wir versuchen zumindest möglichst wenig falsch zu machen; wenn etwas unansehnlich ist, ist es schon falsch", sagt Richter in seinem Text. [1]

Wesentlich für uns war auch die grundsätzliche Einstellung, daß die im Bauprozess eingesetzten Materialien möglichst industriell und vorgefertigt sein sollten - den Beginn einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Werk Jean Prouvés haben wir auch Helmut Richter zu danken.

 

Seit dieser ZV Ausstellung in Graz beschäftigen wir uns immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise mit der Arbeit dieser Architekten. Richard Manahl war 1985 der allererste (ständige) Mitarbeiter im Büro Richter Gerngross und hat dort unter anderem auch am Wohnbau Gräf und Stift Gründe gezeichnet.

 

Gräf und Stift war das erste größere Bauprojekt des Büros - dort haben sie vieles über die (Wiener) Wohnbauwirklichkeit gelernt - und in späteren Projekten verarbeitet:

Helmut Richter in seinem Wohnbau an der Brunner Straße in Wien, nicht nur ein typologischer Quantensprung für den Wiener Wohnbau, Heidulf Gerngross mit seinen überraschenden und unprätentiösen "wiener loft" Konzepten.

 

Der Wohnbau an der sehr verkehrsbelasteten Brunner Straße in Wien ist in vielerlei Hinsicht eine echte Pionierleistung für den sozialen Wohnbau, nicht nur in Wien:

 

Typologisch: eine offene Laubengangerschließung, die entlang der Straße durch eine plastisch ausformulierte Glasfassade geschützt ist und so einen maximal belichteten, gut benutzbaren, halböffentlichen, quasi erweiterten Straßenraum als Wohnungszugang bietet, so entsteht ein Kommunikationsraum im besten Sinn.

 

Grundrisstypologisch: eine Weiterentwicklung des tiefen Wiener Blocks mit mittigem Lichthof. Durch die von der Wohnungsfassade abgerückte Lage der Laubengänge sind hier auch Belichtungen für Aufenthaltsräume denkbar.

 

Technologisch: die rahmenlose 160 Meter lange Glasfassade war die erste ihrer Art in Wien. Die Bauweise ist ein nach den auftretenden Kräften spezifisch moduliertes Stahlbetonskelett. Die sehr schlanken - und damit platzsparenden - Außenwände mittels vorfabrizierter, raumhoher Holzelemente, außenseitig mit Faserzementtafeln verkleidet, sind eine viel zu wenig beachtete und wertgeschätzte prototypische Entwicklung, durch die große (Kosten-)Einsparungen, nicht nur im Wohnbau möglich werden könnten.

Richters Bauten sind immer prototypisch, immer an der Grenze des Machbaren, Möglichen - das macht seine Arbeit so spannend - "hand-taillored tech" nennt das Peter Cook. [2]

In Graz hat er mehr oder weniger zeitgleich mit dem Wiener Wohnbau eine kleine, zweigeschoßige Wohnanlage entwickelt - mit durchaus verwandter Grundrisstypologie. Der Entwurf datiert vor der Brunner Straße, die Fertigstellung allerdings später.

Eine gemischte Stahl- und Betonbauweise, sehr plastisch räumlich konzipiert und raffiniert durchdetailliert - leider vollkommen unbedankt von der Öffentlichkeit.

Das Projekt, sowie die Arbeit Richters generell, finden sowohl national als auch international im Moment kaum Beachtung, verstehen kann man das nicht.

Für uns ist eine "Grazer Schule" ohne Richter nicht existent, seine Architekturhaltung, die er in seiner eigenen Arbeit niemals unpräzise werden lässt - und seine Lehrtätigkeit an der TU in Wien haben Generationen von Studenten nachhaltig geprägt - es bleibt zu hoffen, daß diese Studentengenerationen ihre "Lektion" verstanden haben und die architektonische Welt dementsprechend zu formen verstehen.

 

Während Richter in seinem Tun fast schon zwanghaft präzise agiert - es gibt keinen Punkt, kein Material, kein Detail, welches nicht akribisch genau festgelegt wird, nichts wird dem Zufall überlassen - ist Heidulf Gerngross die Gegenposition par excellence:

Hier regiert das Chaos. Sein Augenmerk liegt auf dem Konzept - und seine Konzepte sind "geduldig": Sein Architekturbegriff ist ein offener, permanent ist alles im Fluss: alles und jeder hat Platz, zu jeder Zeit. Trotzdem ist er keinesfalls beliebig - mit völlig anderen Strategien als Helmut Richter beeinflusst auch er Generationen von jungen Architekten.

 

Den Spruch "Aus der Not eine Tugend machen" könnte Gerngross erfunden haben, er arbeitet in unterschiedlichsten Bereichen der Architektur, in unterschiedlichsten personellen Konstellationen - und er zeichnet keine Pläne. So hat er den " Plan des gesprochenen Wortes" erfinden müssen - mit viel Spielraum für Interventionen seiner beteiligten "amigos".

 

Trotzdem. Die "Struktur Gerngross" bleibt unverkennbar: großzügig, unerwartet und dadurch anregend frisch und unverbraucht, durchaus pragmatisch anwendbar - somit auch ein unschlagbares Wohnbaukonzept: alles was möglich ist, entscheiden andere (Nutzer zum Beispiel), er definiert den Spielraum, vom Detail hat er sich schon vor Jahren verabschiedet. Er agiert in seiner Art, auch mit seiner Zeitung STAR, einzigartig in der österreichischen Architekturszene.

 

"Städtebau ist Innenarchitektur" - seine spezifische Art mit Maßstäben, aber durchaus auch mit Inhalten zu sampeln, machen ihn zu einem unberechenbaren, aber eben auch immer neuartigem Architektur(Er)finder.

 

Die Kombination dieser beiden sehr speziellen Charaktere als Büro war immer eine hochprozentige Mischung - es wundert nicht, daß die Wege sich getrennt haben. Trotzdem kann ich nicht an den einen denken, ohne daß mir sofort der andere einfallen würde.

 

Und keine der beiden Positionen ist verzichtbar.

 

 

[1]

Helmut Richter, Bad S. Sares, in: Um Bau 8 (Dezember 1984), 77-78.

 

[2]

Peter Cook, Vorwort, in: Helmut Richter – Bauten und Projekte, Basel- Boston-Berlin: Birkhäuser 2000,6-7.