Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Erschienen im UmBau 14, Österreichische Gesellschaft für Architektur, Wien, 1993

     

    Vorspann und zwei Unterscheidungen

     

    Architektur ist keine Sache die eindeutig gelöst werden kann. Und: nicht: form follows function, sondern Funktion ist Voraussetzung, in dem Sinn, wie ein Dach dicht sein soll. Wir fordern eine plastische Architektur, im Sinn von weniger ist mehr. Ausgehend von einem abstrakten Konzept ist eine Sache umso besser oder schlechter, je weniger entfernt werden kann, ohne das Konzept zu gefährden.

     

    Erste Unterscheidung:

    Unsere Arbeit kennt zwei vom Ansatz verschiedenartige Vorgangsweisen beim Umgang mit Programmen: die Ausbildung von Form vom Inhalt her, von innen heraus sozusagen, das Programm stülpt sich aus, oder, konträr, die Methode der Montage gegebener Elemente: von Formen (z. B. aus dem Repertoire der Geometrie, ... das klare Spiel der Körper), von vorhandenen Bauelementen  (Fertigteile, Fertigräume) oder von architektonischen Arbeitskonzepten im weitesten  Sinn.

     

    Zweite Unterscheidung:

    Lässt man die Türme außer Acht, so bewegt sich der Wohnbau auch am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts im Spannungsfeld Punkt - Linie - Fläche. Abgesehen vom Reiz, der dem Turm per se innewohnt, ist er nicht wirklich in der Lage einen Beitrag zur Lösung der Wohnraumfrage zu leisten. Die Bewegungsebene des Menschen ist die Horizontale, die vertikale Schichtung horizontal organisierter Flächen ergibt keinen zusätzlichen Freiheitsgrad mit zunehmender Höhe, ganz im Gegenteil. Erschließungsaufwand, Feuerschutz und statische Voraussetzungen schränken die Offenheit der räumlichen Organisation massiv ein.

     

    1. Das alpha der Behausungsfrage: die neutrale Hülle

     

    Vom Standpunkt der vielfältigen Nutzbarkeit, im Hinblick auf brauchbare Bautiefe, Geschoßzahl und Orientierung, und unter Anwendung industrieller Fertigungsmethoden ergibt sich ein Zeilentypus mit maximaler Distanz zur plastischen Formung der nutzungsindifferenten Grundstruktur. Sein Prinzip ist das Strangprofil. Die Festlegung der technischen Funktionen erfolgt außen um einen längsorientierten Frei-Raum gepackt (»Zonen«). Frei im Sinn von Einschränkungen durch die Struktur und offen für eine spätere Umnutzung (das Centre Pompidou in neuerer Zeit als Prototyp).

     

    Die unterschiedlichen Funktionen des Gebäudeabschlusses zur Außenwelt sollen räumlich voneinander getrennt werden. Durch Aufgliedern und separates Formulieren der Außenhaut - was seine Funktionen: Isolation/Statik/Schutz  betrifft - wird eine mehrschalige Oberfläche ausgebildet. Radikal zeigt sich diese Haltung bei Mies van der Rohe am Farnsworth House: das Haus beginnt in Wirklichkeit an der Grundgrenze. Was gemein­ hin als Objekt abgebildet wird, ist eine Missverständnisse provozierende Ikone und tatsächlich nur ein Teil der Schale »Haus«: Schutz an der Grenze, Statik außerhalb der Schachtel, Isolation definiert die Hülle (=hier die Schachtel). Und Hugo Häring 1924: »Ein fenster hat drei funktionen: 1. licht zu geben, 2. Iüftung zu ermöglichen, 3. ausblicke zu schaffen....Was hindert uns, die funktionen des fensters zu trennen und einzeln zu erfüllen, wie sie am besten erfüllt werden können?« Das kann man anwenden auf alle Funktionen eines Bauwerks. Die individuelle Formbildung bleibt als diffuse Möglichkeit im Hintergrund. Gezeigt wird die lineare Qualität der Zeile, die Schönheit der glatten Oberfläche und das Spiel dahinter.

     

    2. Der Punkt als potentieller Teil der Serie:

    die offengebliebene Möglichkeit der Textur

     

    Dem üblichen singulären Typus des Solitärs im weiten Feld des Einfamilienhausbaus soll ein additiver Ansatz entgegengestellt werden. Das Einzelhaus wird gesehen als möglicher Teil einer linearen bzw. flächigen Struktur. Die Addierbarkeit erfordert eine gewisse prinzipielle Introversion anstatt des Ausgreifens in die Landschaft. Ein Nachverdichten heutiger Einfamilienhaussiedlungen ist de facto unmöglich, introvertierte Konzepte dagegen mit der von Vornherein kalkulierten Möglichkeit des direkten Anschlusses wären dafür durchaus aufgeschlossen.

     

    Über die Selbstverwirklichung von ästhetischen Konzepten hinaus ist das Experimentieren am Prototyp, sozusagen, gewonnenes Terrain in Richtung Verminderung des Landverbrauchs.

     

    3. Die plastische Qualität der Zeile

     

    Konträr zum inhaltsneutralen Ansatz kann das Programm Form werden. Ein Beispiel: Die Zeile als abstraktes Produkt einer rigiden Ausformung der heute vorhandenen Wohnbauparameter: die Wohnungsgröße ist der Staffelungstaktor im Ablauf der Zeile. Ausgegangen wird vom Prinzip des adäquaten Außenflächenanteils (Garten- und Terrassenflächen) im Verhältnis zur jeweiligen Wohnungsgröße. Die heute übliche vorstädtische Dichte wird erreicht mit einer zweigeschossigen Grundstruktur, sämtliche Bewohner können einen Garten erhalten.

     

    Voraussetzung der tiefen Zeile: alle Wohnungen sollen möglichst exakt nach Süden orientiert sein.

     

    Die rigorose Südorientierung kann verhindert werden durch die topologischen Verhältnisse oder Parameter aus dem Umweltbereich (Lärm, optische Einflüsse). Die Grundstruktur muß den Gegebenheiten angepasst werden wie ein Maßanzug: es entsteht Städtebau.

     

    Das Aufeinandertreffen von allgemeiner Typologie und beson­derem Ort bedingen eine individuelle Gestalt (anstelle eines simplen Produktes der Mengenlehre). Dies kennzeichnet den Reiz der alten Städte: übrig bleibt eine Raumhülse, eine plastische Sequenz, deren inhaltlicher Grund der räumlichen Ausformung nicht mehr bekannt ist.

     

    4. Zeile, Zeilenfläche, Fläche

     

    Ein Versuch in Richtung Fläche: der Raster mit Bewohnereingriff. Das Grundstück wird mit einer Rohstruktur überlagert und auf diese Weise aufgeteilt, die Fläche soll maximal privatisiert werden. »Nördlich der Alpen gilt der Wohnhof als artfremd. Dagegen gedeiht der Vorgarten - Abfallprodukt des Bauens, Niemandsland, bestenfalls Treffpunkt gipserner Gartenzwerge ... Ein rehabilitierter Vorgarten bringt eine neue Raumordnung mit sich, zumal das kleinste Stück Land eine erfreuliche Verwandlung durchmacht. Wenn man es mit einer Mauer umgibt. Statt zu schrumpfen entfaltet es sich optisch und räumlich; es rückt in die dritte Dimension auf und liefert einen Innenraum unter freiem Himmel.« Soweit Bernhard Rudofsky. Halböffentliche Flächen werden tunlichst vermieden. Der abgeschlossene Flächenanteil wird daher massiv strukturiert als Kleinwohnung und ist aus- und aufbaubar bis zum großen Haus. Bei wachsen­dem Raumbedarf wird nicht umgezogen, sondern erweitert. Die massive Struktur = hardware wird überlagert von der Information = anonyme Aufbauten. Vom Bauträger wird ein Bauplatz mit Grundausstattung fürs Wohnen erstellt. Qualitäten von Außen und Innen dienen als Basis für Wohnen als maximal heterogenes Tun.

     

    Das Angebot  einer unfertigen Massivstruktur ist selten aber doch in regelmäßigen Abständen immer wieder ein Randthema, behandelt hauptsächlich als gestaffelter Bauplatz, als Plattform zum Selbstaufbau, das gestapelte EF-Haus-Grundstück als andere Möglichkeit des Geschoßwohnungsbaus (Friberger 1960 in Stockholm, Frei Ottos Versuch in Berlin, ein aktuelles Projekt von Jona Friedmann in Marseille). Dem Aspekt der Struktur als primäres Element wird hier besonders auffällig Rechnung getragen - primäres Element und zugleich archäologischer Rest, Sediment der Kultur, angeschwemmt als Strandgut der Geschichte.

     

    5. Gestern - morgen. Die amorphe Gestalt

     

    Das Haus als unfassliches Gebilde, als dreidimensionales Ereignis. Das Gebäude als Landschaft, aber nicht: die Landschaft als Vor-»Bild« für das Gebäude. Starke Verdichtung bei gleichzeitig ausgeprägter Individualität soll erzeugt werden. Durch klare Trennung der Funktionen »Erschließung« und »Wohnen« auf verschiedene Ebenen kann das Haus von der Zeile weg zur Fläche, zum Haufen organisiert werden. Ein technischer Rost über der Zugangsebene enthält alle wesentlichen Installationen. Der Rost bildet die Grundlage für ein Darüberhinauswuchern der gering installierten Räume. Der Raumstadt - Gedanke soll auf eine real existierende Ebene gebracht werden. Freies Wuchern innerhalb eines kontrollierten Systems, im Sinn von Bebauungsrichtlinien technischer Art. Die Strukturierung von Manhattan diene als Ver­gleich, oder fernöstliche dreidimensionale Definition der Nutzung eines Bauplatzes.

     

    6. Schluss

    Durchaus im Sinn heterogener Ansprüche und widersprüchlicher Forderungen soll das Haus eine Maschine sein. Offen im Mikrobereich, dem Wohngrundriss, ausgeprägt in seiner Funktion als hüllende Schale. Es werden daher in diesem Zusammenhang keine Wohnungspläne gezeigt. Wesentlich ist nicht: Grundriss - Fassade - Dach, sondern ein Verständnis von dem Gebäude als der harten Haut.

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Wien, im September 1998

     

    Was uns an der Architektur interessiert, ist der spezielle Raum und der Aspekt des Plastischen, die zwangsläufige Nähe zur Skulptur: Raum, der im besten Fall in verdichteter Form eine Einwirkung auf unser Empfinden hervorbringt, wie das eine Landschaft kann - von gleichzeitiger Selbstverständlichkeit und Überraschung. Was wir suchen ist nicht die Überhöhung der Natur, sondern eine Parallele zur Natur. An der räumlichen Ausbildung eines Objekts fasziniert uns das eigen-artige, nicht der neutrale oder indifferente Charakter. Als "skulptural" oder "plastisch" bezeichnen wir Objekte, die in sich eine Schlüssigkeit aufweisen, ganz gleich ob sie aus dem funktionsfreien Raum der Kunst kommen oder dem von Gesetzen beherrschten Bereich der Technik. Der Eindruck des Skulpturalen stellt sich bei Bauwerken ein, die über eine sehr ausgeprägte strukturelle Komponente verfügen.

     

    Die Beschäftigung mit Strukturen und ihrem Potential, das "typologische" Element des Bauens, ist einer der Zugänge zum Entwurf: Die Reduktion und Ausreizung von materialisierten Randbedingungen der gesellschaftlichen Situation und den Möglichkeiten der Herstellung. Einmal Gefundenes kann zum Prinzip erhoben werden und hält den Kopf frei für das Wesentliche. Bestimmte Vorgangsweisen im Gestaltungsablauf können präventiv entschieden werden:

     

    - das vollformatige Verwenden von Materialien

    - den rechten Winkel schätzen

    - das Licht zur Trennung der Elemente verwenden

    - die Randbedingungen materialisieren

    - Licht als Raumerlebnis dosieren

    - die Natur des Materials freisetzen

    - die Fläche an die Grenze treiben

    - Vorrang des Horizontalen vor dem Vertikalen.

     

    Ausgehend von einem typologischen, allgemeinen Ansatz wird unsere Architektur "speziell" durch die Überlagerung mit der besonderen örtlichen Situation für die sie gedacht ist. Es sind daher sogenannte schwierige Grundstücke für uns besonders interessant: Je komplexer die Randbedingungen, desto komplexer muss die Lösung sein. Wichtig ist, dass die Gestalt des Gebauten aus dem Konzept entsteht und nicht "entworfen" wird: Design ist überflüssig. Unsere Architektur ist keine Frage der Größenordnung. Es geht nicht um Groß oder Klein, sondern um das Erkennen des Problems und den Lustgewinn aus der Erkenntnis einer Lösung. Anstelle des de(kon)struktivistischen Reizes des Unfalls suchen wir die komplexe Schönheit des Zufalls.

     

    Aus einem abstrakten Denkprozess entsteht konkrete Form. Es gibt viele Konzept-Möglichkeiten, aber für jedes Konzept nur einen besten Weg.

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Erschienen in Josef Lackner, Herausgegeben vom Architekturforum Tirol, Pustet Verlag, Salzburg, 2003

     

    Die Beziehung zu Lackner und seinem Werk ist für uns eine Sicht aus der Distanz: Das Aufeinandertreffen ist auf einen Vortrag in der Wiener Zentralvereinigung mit anschliessendem Gespräch beim Essen beschränkt.

    Trotzdem ist das Werk von Lackner für uns eine der Inspirationsquellen, viele davon gibt es in Österreich nicht.

    Lackner hat Bauten geschaffen, die dem Raumschöpfungsprojekt der Moderne eigene Aspekte hinzugefügt haben: Zum Gebäudekomplex der Ursulinenschule in Innsbruck gibt es wenig Vergleichbares, was Neudefinition und Auslotung der räumlichen Möglichkeiten innerhalb eines geometrisch einfachen Umrisses betrifft.

     

    Das Faszinierende an seiner Architektur und gleichzeitig der Gewinn für die eigene Arbeit liegt für uns aber zuerst in der Herangehensweise, im stringenten Gerüst seines Entwurfsverhaltens - dem „Konzept“ - begründet: Jedes Projekt folgt seiner eigenen, nie zweimal verwendeten Anleitung. Diese Vorgangsweise bindet die unterschiedlich anmutenden, oftmals sperrig auftretenden, Bauten und Projekte zu einem großen „Werk“ zusammen.

    Er entwickelt für jedes Projekt seine eigene Logik und unterwirft alle weiteren Entscheidungen - zum Teil mit Ausnahme der Materialfragen - diesen Bildungsgesetzen. So entstehen Gebäude, die nicht formalen Wünschen oder Obsessionen folgen, sondern deren Erscheinungsformen sich aus einem jeweiligen Konzept quasi selbst generieren.

     

    Lackner setzt sich dadurch ab von dem, was während seiner Hauptschaffenszeit übliche Vorgansweise war und heute auch erfolgreich der Fall ist: die Schaffung von Gestaltelementen, die für die Wiederholung konzipiert und auf erhöhte Aufmerksamkeitswirkung optimiert werden: der Stil. Lackners Stil ist das Konzept, wobei je nach Aufgabe, Ort, Problem völlig unterschiedliche Herangehensweisen möglich sind.

    Als Konsequenz ergibt sich ein vielfältiges und vielschichtiges Werk, niemals glatt und langweilig, sondern anregend, oft überraschend und immer entschlüssel- und erklärbar.

    An Lackner gefällt uns das Eigen-Artige, sogar Bizarre.

     

    Sein Ding ist der Raum, räumliche Bestandteile werden definiert und zu einem Ganzen verwoben, übrig bleibt kein Rest. Das Erscheinungsbild der Raumfiguren in ihrer Materialisierung ist häufig irritierend, manchmal schwer zu enträtseln, und immer wird der Interessierte mit einer wundersamen Verflechtung belohnt, die das zuvor als spröd empfundene Objekt zu einer eigenartigen, aber selbstverständlichen Gestalt werden lassen.

    Das Thema ist nie die nutzungsneutrale Hülle, immer ist es eine räumliche Qualität - eine Erfindung als Antwort auf ein allgemeines Problem.

     

    Josef Lackner haben wir zum Glück schon früh während des Studiums im „Achleitner“ [1] für uns als interessant entdeckt:

    Das Grottenbad Flora oberhalb von Innsbruck, eine räumliche Skulptur - spielerisch, witzig, aber ganz eindeutig und scharf gedacht:

    Ein kleiner Raum, insbesondere für ein Hallenbad, der seine Winzigkeit aber nicht preisgibt, weil er von keinem Punkt im Raum aus ganz überblickt werden kann und so immer ein bisschen ein Geheimnis bleibt. Dazu das Licht nur von oben und ein einziges Material (Beton), mit dem die komplexe Raumform ganz und einfach bewältigt werden kann.

    Das hat uns auch gezeigt, dass Architektur keine Frage der Größenordnung ist. Obwohl wir das Bad bis heute nie besichtigen konnten, ist es für uns ein Schlüsselwerk, schon im Studium in Graz und jetzt auch noch.

     

    Seltsamkeiten in der Wahl der Mittel gibt es häufig:

    Die Definition der Klosterzelle als eigenes Haus gelingt durch das Anbringen von Dachziegeln an der Gangwand, ein Materialeinsatz, der nicht gerade aus der reinen Funktion abgeleitet werden kann - und trotzdem kommt der Verdacht des (postmodernen) Zierrats und Zitats auch nicht im Ansatz auf.

     

    Eine auf den ersten Blick alltägliche Wohnanlage irritiert durch einen scheinbar willkürlichen Höhenversatz und eine zufällig wirkende Fassadenordnung.

    Als „einfacher Wohnbau“ bezeichnet schafft es ein simpelster Grundriss durch seine präzise Lage und die Ausreizung der Aufschließung den Bau selbst zu modulieren:

    Wohnungszugänge von beiden Podestseiten einer doppelläufigen Stiegenerschließung versetzen das Gebäude jeweils um ein halbes Geschoß und artikulieren so Zu- und Durchgänge (die unterste Wohnebene ist bereits um ein Halbgeschoß vom Geländeniveau abgehoben - was natürlich belichtete Nebenräume bringt).

    Diese Auf und Ab macht zusammen mit der scheinbar willkürlich gesetzten Erkerverteilung - die Fensteranordnung ist natürlich nicht „entworfen“, sondern ergibt sich aus den dahinterliegenden unterschiedlichen Wohnungstypen - den einfachen Wohnbau zu einem einzigartigen Wohnbau.

     

    Die komplex und zugleich übersichtlich und großzügig organisierten Raumschichtungen der Bauten für Wüstenrot (in Salzburg) und die Jenbacher Werke sind (wie Lackner selbst betont) in der Bürohausarchitektur tatsächlich Einzelleistungen, geschaffen für neue Ansprüche des Arbeitens und ausgestattet mit dem Luxus des Raums und der Raumbeziehungen.

    Der Wunsch nach vorbildlichen Computerarbeitsplätze bestimmt beim Wüstenrot Gebäude den Schnitt und damit die Gesamtkonzeption. Bis zur Fassade (was offen ist, was geschlossen bleibt, beachtenswert der Bezug von der innenliegenden Erschließung zum Ausblick) werden alle Entwurfsentscheidungen diesem Ansatz unterstellt.

     

    Auf den ersten Blick können Lackners Gebäude oft irritieren, ja erschrecken ob ihrer Sperrigkeit und Uneleganz.

    Bei genauerer Betrachtung stellt sich dann allerdings heraus, dass es sich eben um gebaute Konzepte handelt, die man entschlüsseln kann und die ihre Schönheit dann auf den zweiten Blick aus ihrer inneren Stimmigkeit beziehen.

     

    Zwei Kirchen gibt es in Wien von ihm: die Konzilgedächtniskirche in Lainz hat die Jahre praktisch unbeschädigt überstanden, hingegen ist das Pfarrzentrum in der Krottenbachstraße soeben durch eine sogenannte „Sanierung“ ruiniert worden.

     

    Seine Gebäude sind das ehrliche Ergebnis des unterlegten Prinzips:

    Es entsteht ein Bild, das manchmal fast schrill, manchmal beiläufig und zufällig wirkt, das aber nur durch das Befolgen der dem Projekt zugrunde gelegten Entwurfsregeln entstanden ist.

    „Ideen sollten unser Handeln bestimmen. Die Architektur drückt Ideen aus – oft fehlen diese und man baut trotzdem“ [2]

     

    [1]
    Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band I, Residenz Verlag, 1980

     

    [2]
    Seite 20

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Erschienen in „Ein Buch für Helmut Richter“ Technische Universität Wien, Fakultät für Architektur und Raumplanung, Holzhausen Druck, Wien, 2007

     

    Von Graz kommend ist Richter in Wien Anfang 80 für uns das große Vorbild in Österreich.

    Anstatt dem Postmodernismus Jean Prouvé als Ikone.

    Helmut Richter als Person und als Architekt hat uns gezeigt, daß Architektur eine Haltung und nicht eine Dienstleistung ist (im Sinn von Wittgenstein: Ästhetik kommt von Ethik).

     

    Seine Position ist die an (und meistens über) der Grenze.

    Sein Zusammenhang ist ein globaler, das Gegenteil von ortsbezogen:

    bei jedem Bau alle Voraussetzungen ignorierend, um die neue unbekannte Zusammenstellung mit meist einfachen, industriell geprägten Komponenten zu suchen.

     

    Über ihn zu schreiben ist eine Herausforderung, weil er in der Wiener Architektur der letzten 20 Jahre die Herausforderung schlechthin ist.

     

     

    [1]
    „Ästhetische Organisation“ ist ein Begriff, den Helmut Richter für seine Arbeit verwendet

    Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Vortrag zur Konferenz Abstract City: Streets, Universität der Künste Berlin, 2008

     

    Versuch einer Systematik zur Begriffsklärung als Grenzwertbetrachtung

     

    1

    Die Ebene ist die Basis von menschlichem Aufenthalt und Fortbewegung, die Vertikale ist der Sonderfall des Ebenenwechsels. Eine klassische Einteilung der städtebaulichen Strukturelemente nach deren Benutzbarkeit im Raum:

    in einer Dimension: als „Straße“, in zwei Dimensionen: als „Platz“, in drei Dimensionen: als „Gebäude“, ist daher nach wie vor so banal wie gültig. Durch die Verbindung dieser Strukturelemente kommt „Stadt“ zustande.

     

    2

    Die Straße ist ein lineares, eindimensionales Element der Verbindung von hier nach dort - mit dem Grenzwert der Brücke, wo die Spezifik des Linearverlaufs deutlich wird.

    Die Straße ist Verkehrsweg und Infrastrukturträger: Verbindung wird geschaffen nicht nur in Form von Beförderung - Medien wie Wasser, Gas, Strom oder Telefon sind Teil des Querschnitts.

    Solange kein weiteres Element dazukommt bleibt der Informationsgehalt, d.h. der Wechsel an Möglichkeiten, entlang des Straßenverlaufs null, abgesehen von Begegnung und Aussicht.

     

    3

    Eine Form der „Informiertheit“ des linearen Strangs wird möglich durch die Anlagerung von Einzelereignissen (Gebäude oder Platz). Über den Zweck der Verbindung von Orten hinaus entsteht dabei ein Träger von Information: die informierte Ausstattung generiert „Möglichkeiten“ für diejenigen, die sie „lesen“ (benutzen) können, also ein „Verhalten“.

    Der Grad der Informiertheit wird gesteigert durch die Größe des Anteils an öffentlich benutzbaren - und dem frei zugänglichen Austausch gewidmeten Einzelereignissen am Gesamten der Anlagerung.

    Im Querschnitt wird der Übergang vom Straßenraum zur geschlossenen Masse der Gebäude für die Benützbarkeit Hauptkriterium. Ein direktes Aufeinanderprallen von offenem und abgeschlossenem Raum bringt die größten Schwierigkeiten für eine positive Aneignung anstelle von flüchtigem Durcheilen des öffentlichen Raums mit sich.

    Entscheidend für das Potential einer Straße sind, neben der Anzahl an Gebäuden die von vornherein der Öffentlichkeit gewidmet sind, die strukturelle Ausbildung der Gebäude und deren Möglichkeiten zu Anpassung und Veränderung.

    Neben dem öffentlich zugänglichen Inhalt von Gebäuden wird die Ankündigung dieses Inhalts zu einem zusätzlichen Faktor von Oberflächendifferenzierung und Lesbarkeit.

    Ein weiterer Faktor der Anlagerung passiert auf der Straße selbst im Angebot von Sitzmöglichkeiten, von Schatten und Nebenbei-Einkauf.

     

    4

    Eine andere Form von „Informiertheit“ entsteht, wenn zwei Straßen sich schneiden: die zweite Dimension tritt auf, es gibt eine Wahlmöglichkeit der Ziele.

    In der Addition dieser Zweidimensionalität entsteht das „Raster“: eine Form der Raumaufteilung als einem sinnvollen Ansatz, gleichen Bedürfnissen wie Wegverbindungen oder Grundstücksgrößen gleiche Voraussetzungen zu geben.

    Beim „Raster“, oder Gewebe ist der Grenzwert der Orthogonalität der Fäden nicht der Sonderfall, sondern der Regelfall. Andere Möglichkeiten stellen Sonderfälle dar, entstanden durch Vorhandensein von Bestand oder Topographie. Das Raster lässt trotz identischer Felder unterschiedliche Füllmöglichkeiten zu.

    Für das Gewebe der Straßen in der modernen Stadt wird eine neu auftretende Differenzierung des Verkehrs relevant, was Qualität und Dimension der Straßen betrifft. Unterschiedliche Geschwindigkeiten und Ansprüche der Fußgänger, der Radfahrer, von öffentlichem Verkehr und motorisiertem Individualverkehr führen zu einer Segmentierung der Verkehrsbänder.

    Mit dem Aufkommen des Autos und einer zuvor nicht gekannten Mobilität für (fast) alle wird ein, bis dahin gültiger, Konsens für die Neuanlage von Städten bzw. Stadtteilen im städtebaulichen Ansatz der Moderne verlassen.

    Die Strukturelemente können plötzlich sauber auseinandergehalten, auf Distanz gebracht werden, sauber im Sinn von Hygiene und Gesundheit, Aufgeräumtheit aber auch als Weltbild.

    Der Raster als Grundprinzip wird dabei nicht verlassen, zwischen Straße und Gebäude ist aber plötzlich ein schwach definierter Zwischenraum von, aus der Fußgängerperspektive, beträchtlichem Ausmaß gesetzt. Zusammenhang und Wechselwirkung gehen verloren, der Zwischenraum verhindert ein Kommunizieren der beiden Strukturelemente.

    Mit der Aufgabe der Prinzipien des reinen Funktionalismus ist allerdings auch das Prinzip aufgegeben worden, daß „Baukunst“ und „Städtebau“ etwas Zusammenhängendes und Wechselwirkendes sind.

    Auch wenn heute offenbar jede Idee fehlt, wie Baukunst und Städtebau wieder in einen Zusammenhang gebracht werden können, ist die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ trotzdem nicht mehr dieselbe wie beim Erscheinen des Buches von Alexander Mitscherlich, weil das Interesse wieder den Zentren der Städte wie auch der Peripherie gilt.

     

    5

    Eine dritte Dimension der Benützung wird möglich durch Überlagerung von Rasterstrukturen in mehreren Ebenen, sowie deren vertikaler Verbindung. Die Vorteile der kurzen Wegverbindungen von Ebenenflächen wie sie bei Gebäuden auftritt, kann in die ein- und zweidimensionalen Strukturelemente übernommen werden: „Verdichtung“, Multiplikation des vorhandenen Baugrunds, wie das beim Gebäude üblich ist, kann so für die Stadt als Ganzes angewandt werden.

     

    6

    Diese dreidimensionale Überlagerung kann sich (als konsequente Utopie) verselbstständigen und zur Ablösung von der vorhandenen Struktur, den Zwängen des Baugrunds und den Einschränkungen der Topographie führen.

     

    7

    Komplexität anstelle von Banalität, somit Qualität des Straßenraums, kann durch Offenheit der Nutzung und Offenheit der Struktur der in direktem Zusammenhang mit der Straße errichteten Gebäude entstehen.

    Die Straße ist der „Raumkörper in der Baumasse“ (Rowe und Koetter, Collage City), das Ausmaß des Raumkörpers ist die wesentliche Festlegung.

    Die Frequenz einer Straße wird abhängig von der Qualität der Oberfläche, d.h. dem Grad der Informiertheit, entlang ihrer Längsentwicklung.

    Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Wien 2011

     

    Nach einer Aussage des Künstlers Absalon, der sich ausführlich mit den Möglichkeiten der Raumbildung auseinandergesetzt hat, ist „Funktion“ nur von Bedeutung während einer kurzen Zeitspanne am Beginn der Lebensdauer von Gebäuden. Danach benutzt man die Gebäude so, wie es seine Ausprägungen zulassen.

     

    Willem von Occam ist ein niederländischer Scholastiker des 14. Jahrhunderts, auf seine Ideen wird das „Occam’sche Rasiermesser“ zurückgeführt: ein Instrument der Wissenschaftstheorie, das besagt, daß die Entitäten oder Grundannahmen für einen Sachverhalt nicht ohne Notwendigkeit vermehrt werden sollen. Es ist ein Sparsamkeitsprinzip, das aber im Gegensatz zum prinzipiellen „Verminderungs-Ansatz“ von Mies van der Rohe positive oder ungewöhnliche Ansätze bei erwiesener Sinnhaftigkeit zulässt.

     

    Die Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg kann diesen theoretischen Ansatz eindrucksvoll darstellen. Eine Treppe als Verbindung zwischen zwei Ebenen ist notwendig und kann ohne Verlust des Zusammenhangs nicht weiter reduziert werden. Eine weitere Treppe hingegen wäre unnötig im Sinn von „weniger ist mehr“.

     

    Die vermehrte Grundannahme einer zweiten Treppe im hier dargestellten Sinn ist nicht mehr eine Treppe, oder zwei Treppen, es ist ein substanziell veränderter Inhalt, die einfache Funktion „Treppe“ wird hier zum komplexen Gebilde „Raum“. Die erweiterte Annahme ist daher zulässig und führt zu einem neuen, bisher nicht gekannten Ergebnis.

    Bettina Götz, ARTEC Architekten
    Vortrag zum Symposion „Was bleibt von der Grazer Schule?“, TU Graz, 2010

    Beitrag erschienen in Was bleibt von der Grazer Schule? Jovis Verlag, Berlin, 2012

     

    Der Titel meines Vortrages bezieht sich auf einen Text von Helmut Richter, den er in der Architekturzeitschrift Um Bau no 8 zur Veröffentlichung des "Bad Sares" publiziert hat. [1]

     

    Er spricht dort über die "Struktur des Ästhetischen", die er in einer "erfinderischen Ordnung, Prüfung und Neuordnung von Elementen, die nicht durch Klassenzugehörigkeit ausgezeichnet sind", sieht. Dieser kurze theoretische Text (2 Seiten DIN A4), der sich eben um "ästhetische Organäisation" dreht, war für uns durchaus ein Aha - Erlebnis: plötzlich war klar, daß eine individuelle Architekturarbeit in eine ebensolche individuelle Architekturtheorie eingebettet sein muss.

     

    Helmut Richter und Heidulf Gerngross waren uns in der ZV Jubiläumsausstellung im Grazer Künstlerhaus Anfang der 80er Jahre als einzig interessante Architekten aufgefallen - arrogant waren wir im AZ 1 schon immer - sie zeigten ihr Haus Königseder und es war eine völlig andere Welt.

     

    Gerngross, Richter, wie das Büro damals hieß, war zwar in Wien angesiedelt und in Wien tobte damals die Postmoderne, was uns in den Zeichensälen überhaupt nicht interessiert hat. Wir fanden natürlich schnell heraus, daß beide in Graz studiert hatten und wohl wesentliche Faktoren dieser Grazer Architekturszene waren - wenn auch mit geografischem Abstand.

     

    Helmut Richter und Heidulf Gerngross waren vielleicht die ersten, die nach Wien ausgewandert sind, in unserer Generation sind dann nur noch wenige mit ihren Büros in Graz geblieben.

     

    Dieses Haus Königseder, oder vielmehr die architektonische Haltung dahinter hat unsere Architekturentwicklung entscheidend geprägt: Der Umgang mit den ausgewählten Materialien, das Collagieren und Ausreizen jedes Details und die überzeugende skulpturale Qualität des fertigen Objektes.

     

    "Wir versuchen zumindest möglichst wenig falsch zu machen; wenn etwas unansehnlich ist, ist es schon falsch", sagt Richter in seinem Text. [1]

    Wesentlich für uns war auch die grundsätzliche Einstellung, daß die im Bauprozess eingesetzten Materialien möglichst industriell und vorgefertigt sein sollten - den Beginn einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Werk Jean Prouvés haben wir auch Helmut Richter zu danken.

     

    Seit dieser ZV Ausstellung in Graz beschäftigen wir uns immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise mit der Arbeit dieser Architekten. Richard Manahl war 1985 der allererste (ständige) Mitarbeiter im Büro Richter Gerngross und hat dort unter anderem auch am Wohnbau Gräf und Stift Gründe gezeichnet.

     

    Gräf und Stift war das erste größere Bauprojekt des Büros - dort haben sie vieles über die (Wiener) Wohnbauwirklichkeit gelernt - und in späteren Projekten verarbeitet:

    Helmut Richter in seinem Wohnbau an der Brunner Straße in Wien, nicht nur ein typologischer Quantensprung für den Wiener Wohnbau, Heidulf Gerngross mit seinen überraschenden und unprätentiösen "wiener loft" Konzepten.

     

    Der Wohnbau an der sehr verkehrsbelasteten Brunner Straße in Wien ist in vielerlei Hinsicht eine echte Pionierleistung für den sozialen Wohnbau, nicht nur in Wien:

     

    Typologisch: eine offene Laubengangerschließung, die entlang der Straße durch eine plastisch ausformulierte Glasfassade geschützt ist und so einen maximal belichteten, gut benutzbaren, halböffentlichen, quasi erweiterten Straßenraum als Wohnungszugang bietet, so entsteht ein Kommunikationsraum im besten Sinn.

     

    Grundrisstypologisch: eine Weiterentwicklung des tiefen Wiener Blocks mit mittigem Lichthof. Durch die von der Wohnungsfassade abgerückte Lage der Laubengänge sind hier auch Belichtungen für Aufenthaltsräume denkbar.

     

    Technologisch: die rahmenlose 160 Meter lange Glasfassade war die erste ihrer Art in Wien. Die Bauweise ist ein nach den auftretenden Kräften spezifisch moduliertes Stahlbetonskelett. Die sehr schlanken - und damit platzsparenden - Außenwände mittels vorfabrizierter, raumhoher Holzelemente, außenseitig mit Faserzementtafeln verkleidet, sind eine viel zu wenig beachtete und wertgeschätzte prototypische Entwicklung, durch die große (Kosten-)Einsparungen, nicht nur im Wohnbau möglich werden könnten.

    Richters Bauten sind immer prototypisch, immer an der Grenze des Machbaren, Möglichen - das macht seine Arbeit so spannend - "hand-taillored tech" nennt das Peter Cook. [2]

    In Graz hat er mehr oder weniger zeitgleich mit dem Wiener Wohnbau eine kleine, zweigeschoßige Wohnanlage entwickelt - mit durchaus verwandter Grundrisstypologie. Der Entwurf datiert vor der Brunner Straße, die Fertigstellung allerdings später.

    Eine gemischte Stahl- und Betonbauweise, sehr plastisch räumlich konzipiert und raffiniert durchdetailliert - leider vollkommen unbedankt von der Öffentlichkeit.

    Das Projekt, sowie die Arbeit Richters generell, finden sowohl national als auch international im Moment kaum Beachtung, verstehen kann man das nicht.

    Für uns ist eine "Grazer Schule" ohne Richter nicht existent, seine Architekturhaltung, die er in seiner eigenen Arbeit niemals unpräzise werden lässt - und seine Lehrtätigkeit an der TU in Wien haben Generationen von Studenten nachhaltig geprägt - es bleibt zu hoffen, daß diese Studentengenerationen ihre "Lektion" verstanden haben und die architektonische Welt dementsprechend zu formen verstehen.

     

    Während Richter in seinem Tun fast schon zwanghaft präzise agiert - es gibt keinen Punkt, kein Material, kein Detail, welches nicht akribisch genau festgelegt wird, nichts wird dem Zufall überlassen - ist Heidulf Gerngross die Gegenposition par excellence:

    Hier regiert das Chaos. Sein Augenmerk liegt auf dem Konzept - und seine Konzepte sind "geduldig": Sein Architekturbegriff ist ein offener, permanent ist alles im Fluss: alles und jeder hat Platz, zu jeder Zeit. Trotzdem ist er keinesfalls beliebig - mit völlig anderen Strategien als Helmut Richter beeinflusst auch er Generationen von jungen Architekten.

     

    Den Spruch "Aus der Not eine Tugend machen" könnte Gerngross erfunden haben, er arbeitet in unterschiedlichsten Bereichen der Architektur, in unterschiedlichsten personellen Konstellationen - und er zeichnet keine Pläne. So hat er den " Plan des gesprochenen Wortes" erfinden müssen - mit viel Spielraum für Interventionen seiner beteiligten "amigos".

     

    Trotzdem. Die "Struktur Gerngross" bleibt unverkennbar: großzügig, unerwartet und dadurch anregend frisch und unverbraucht, durchaus pragmatisch anwendbar - somit auch ein unschlagbares Wohnbaukonzept: alles was möglich ist, entscheiden andere (Nutzer zum Beispiel), er definiert den Spielraum, vom Detail hat er sich schon vor Jahren verabschiedet. Er agiert in seiner Art, auch mit seiner Zeitung STAR, einzigartig in der österreichischen Architekturszene.

     

    "Städtebau ist Innenarchitektur" - seine spezifische Art mit Maßstäben, aber durchaus auch mit Inhalten zu sampeln, machen ihn zu einem unberechenbaren, aber eben auch immer neuartigem Architektur(Er)finder.

     

    Die Kombination dieser beiden sehr speziellen Charaktere als Büro war immer eine hochprozentige Mischung - es wundert nicht, daß die Wege sich getrennt haben. Trotzdem kann ich nicht an den einen denken, ohne daß mir sofort der andere einfallen würde.

     

    Und keine der beiden Positionen ist verzichtbar.

     

     

    [1]

    Helmut Richter, Bad S. Sares, in: Um Bau 8 (Dezember 1984), 77-78.

     

    [2]

    Peter Cook, Vorwort, in: Helmut Richter – Bauten und Projekte, Basel- Boston-Berlin: Birkhäuser 2000,6-7.

     

     

     

     

    Ein Kommentar von Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Text im Buch „Werkgruppe Graz. Architecture at the Turn of Late Modernism”, herausgegeben von Eva Guttmann, Gabriele Kaiser, HDA Graz, Park Books, Zürich, 2013

     

    Sobald wir uns über Graz (wo wir studiert haben und uns daher ganz gut auskennen) und die dortigen Bauten (die uns seither „begleiten“) unterhalten, kommt die Rede sehr schnell auf die gotische Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg. Aber auch die im Vergleich dazu gigantisch große Terrassenhaussiedlung der Werkgruppe Graz kommt in jedem dieser Gespräche verlässlich vor. Das ist kein Wunder – beides sind nämlich nicht einfach „Gebäude“, sondern vielmehr „Strukturen“, deren Bildungsprinzipien eine Allgemeingültigkeit aufweisen, die über das einzelne Bauwerk weit hinaus anwendbar und für unsere eigene Arbeit immer wieder wesentliche Referenzen sind.

     

    Diese Bauwerke sind natürlich nicht als solche betrachtet direkt miteinander vergleichbar, interessant ist aber bei beiden die Stringenz und Rigidität ihrer Grundkonzeption. Kein Wunder also, dass sich auch die Architekten der Werkgruppe Graz intensiv mit der Analyse dieser Treppe beschäftigt haben.

     

    Die Terrassenhaussiedlung ist über einen sehr langen Zeitraum geplant und gebaut worden: zwischen 1966 und 1978. Betrachtet man die Grazer Situation dieser Jahre, zeigt sich, dass gerade in den 60er Jahren auch in dieser Region die wesentlichen Voraussetzungen für die weitere spezifische Architekturentwicklung (die „Grazer Schule“ [1]) entstanden sind. Hier bearbeiten eine Reihe von außergewöhnlichen Architektenpersönlichkeiten verschiedener Generationen ein und dasselbe Programm: Urbanität.

     

    Dieses außerordentliche Interesse an Megastrukturen aller Art ist eindeutig „das“ internationale Thema dieser Zeit (z.B. Archigram, superstudio…), hier aber sicher auch eine natürliche Gegenreaktion auf die prinzipiell provinzielle Grazer Situation.

     

    In Wien, der österreichischen Metropole, zu der – aus Graz betrachtet – immer eine „kritische Distanz“ bestand, beschäftigte man sich in dieser Zeit sehr gerne und ausführlich mit der klein(st)en Form, wie zum Beispiel das Kleine Café von Hermann Czech dies eindrucksvoll beweist (erste Bauetappe 1970), neben einer eher künstlerischen Beschäftigung mit dem großen Maßstab, wo die Projekte nicht detailliert durchgearbeitet wurden (siehe Hans Holleins Flugzeugträger in der Landschaft, 1964, Fotocollage, und andere).

     

    Zwei Positionen stechen im Umfeld der Entstehungszeit der Terrassenhaussiedlung besonders ins Auge: die Überbauung Ragnitz 1965–69 von Günther Domenig und Eilfried Huth und die fundierte theoretische Auseinandersetzung von Bernhard Hafner, damals noch Student, mit „Strukturalismus“. [2]

     

    Dieses Generationen-übergreifende Arbeiten, unter Einbindung der intellektuellen Studentenschaft aus den Zeichensälen der TH Graz samt den zugehörigen spontanen Gasthausdiskussionen, war lange das Markenzeichen der Grazer Architekturszene.

     

    Hafner war interessiert an „urbaner Architektur“, an der Entwicklung einer alltäglichen Stadtstruktur. „Es geht nicht um Schönheit, auch nicht primär um Funktion, sondern um die Trennung des Langfristigen vom Kurzfristigen. Die Struktur ist langlebig, sie bildet die Hardware für den Ausbau, der im Laufe der Zeit ausgetauscht werden kann. Der Strukturalist hat nie einen Endzustand im Sinn, sondern jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem. Das ist, laut Hafner, städtische Architektur – pluralistisch und undeterminiert. Die Komplexität entsteht im Wechselspiel von Struktur und Ausbau.“ [3]

     

    Domenig und Huth präsentierten 1966/67 in der Ausstellung „Urban Fiction“ in der Galerie nächst St. Stephan in Wien ihr Projekt Neue Wohnform Ragnitz, ein architektonisch detailliert ausgearbeitetes Megastrukturprojekt mit einem engen Bezug zur baulichen Praxis. In ein Sekundärsystem, das neben der Schaffung einer räumlichen Grundstruktur auch der Unterbringung der Versorgungssysteme dient, können auf mehreren Ebenen individuell zugeschnittene Wohn-Elemente sowie Verkehrswege eingefügt werden. „Das Projekt für Ragnitz begnügt sich jedoch nicht mit den konstruktiven Aspekten einer städtischen Megastruktur, es intendiert vielmehr, in den Raumstrukturen einer erneuerten und flexibleren Gesellschaft Platz zu schaffen.“ [4]

     

    In einem Interview mit Gerhard Steixner und Maria Welzig sagt Günther Domenig: „Die erste Gruppe, die in Österreich eine Superstruktur auch tatsächlich hat bauen können, die zwar sicher von uns abgeleitet war, war die Werkgruppe Graz mit diesem Terrassenhaus in St. Peter.“ [5] Allerdings hat die Werkgruppe Graz bereits 1962 begonnen, sich programmatisch mit Wohnungsbau auseinanderzusetzen, im Rahmen eines Wettbewerbsbeitrags für eine großmaßstäbliche Anlage in Innsbruck-Völs. Der Wettbewerb wurde verloren, und mit dem Grazer Terrassenhaus gelingt die Umsetzung dieser allgemein gültigen Inhalte.

     

    Der Komplex Terrassensiedlung ist in unserer Sicht der Architektur von bleibender Auswirkung über Zeitgeist und regionale Bedeutung hinaus: ein typologisch entwickelter Groß- und Geschosswohnbau, für uns das Gegenstück zum horizontal angelegten Puchenau von Roland Rainer, der Ikone des österreichischen Wohnbaus schlechthin. Beide sind heute durch ihre Überformung mit Natur mehr Teil einer Landschaft als des Gebauten.

     

    Die großzügige Erschließung und die zugehörigen Allgemeinflächen, immer öffentlich zugänglich bis in die obersten Etagen, haben unsere Haltung zum Wohnungsbau entscheidend mitgeprägt. Dass Wohnbau erst durch die Kombination einer – auch räumlich – robusten Struktur und einer „zugehörigen Luft“ als Spielraum für nachträgliches, unvorhersehbares Verändern und Weiterbauen“ brauchbar und urban wird, haben wir dort gelernt.

     

    Über vollkommen offene Stiegenhäuser mit Aufzug, welche im vierten Geschoss durch eine fünf Meter hohe, großzügige „Kommunikationsebene“ verbunden sind und in der obersten Etage allgemeine Aufenthaltsflächen haben, wird eine große Anzahl unterschiedlicher Wohnungstypologien mit hervorragender Qualität erschlossen. Keine „gated community“, sondern die schwellenlose Nutzbarkeit der öffentlichen Erschließungsbereiche als soziale Begegnungsräume einer Stadtstruktur ist hier exemplarisch verwirklicht.

     

    Nach der Fertigstellung sozusagen aus der Mode gekommen (die Zeit für Großstrukturen war vorbei), hat es einige Zeit gedauert, bis heute wieder allgemein ungeteilte Wertschätzung vorherrscht.

     

    Bemerkenswert ist auch, dass dieses Wohnkonglomerat mit 522 Wohnungen aus einem Direktauftrag entstanden ist – heute aufgrund völlig veränderter politischer Haltung und Auftraggeberstrukturen undenkbar! Nicht nur das derzeitige Wettbewerbswesen, sondern auch der momentan vorherrschende (Irr)Glaube, allein durch eine Teilung in kleinere Einheiten, unter vollständiger Ausnutzung der möglichen Maximaldichte, größere Heterogenität und damit „Stadt“ zu generieren, behindern einen strukturellen Städtebau.

     

    Die bedeutenden Bauten der Werkgruppe entstanden in den 1960ern und 70ern im Geist eines regional orientierten, dem unmittelbaren Bauen verpflichteten Herangehens.

     

    Werner Hollomey hatte 1960 das Forum Stadtpark mitgegründet und den genial einfachen Bau (der mit geringsten Kosten zu errichten war) für den Verein geplant und umgesetzt – ein Raumkonzept, in dem über viele Jahrzehnte Ausstellungs- und Veranstaltungstätigkeit auf allerhöchstem internationalen Niveau stattfand, wo Kultur und Leben in selbstverständlicher Art zusammenfanden, bis interne Zwistigkeiten und eigenartige Zubauten dem ein Ende setzten.

     

    Graz hat in den Jahren zwischen 1970 und 1990 eine Art Vorreiterrolle in der österreichischen Architekturentwicklung eingenommen. Im Gegensatz zu den einzelgängerischen Figuren Josef Lackner und Othmar Barth in Tirol war hier eine heterogene Szene mit gegenseitiger Beeinflussung und Ablehnung am Werk.

     

    Geprägt war die Situation in Graz Anfang der 70er Jahre noch eindeutig von dem damals gerade verstorbenen Ferdinand Schuster, dessen von Mies van der Rohe beeinflusste späten Bauten räumlich und konstruktiv ungemein feingliedrig durchgearbeitet sind. Mit fast archetypisch ausgeformter Technik beim Kraftwerksbau für die STEWEAG in Graz hat er dabei auch schon die Plastizität der nachfolgenden Generation vorweggenommen.

     

    Zurück zur gotischen Doppelwendeltreppe, dem äußerlich unscheinbaren Stiegenhauszubau in der Grazer Burg, einem kleinen Raum, einem „Funktionsbauwerk“, das wie eine in Stein gehauene Charta den Mehrwert zeigt, den Architektur zu leisten imstande sein kann, wenn sie nicht als „Dienstleistung“, sondern als „Kulturleistung“ verstanden wird. Beeindruckend war 1973 ein Besuch der knapp zuvor fertiggestellten Schule Walfersam in Kapfenberg, wo ein neuer, dynamischer Raumgedanke in einer einfachen Art spiralförmig die Ebenen zu einem offenen Raum verbindet, der heute noch inspiriert. Hier wird der zum endlosen Raum verdoppelte Treppengedanke, an dessen Außenseite die Klassenräume angelagert werden, durch einen mit Funktionen besetzten Mittelteil erweitert, die Doppeltreppe sozusagen auseinandergezogen.

     

    Der Grundcharakter der bedeutenden Bauten der Werkgruppe ist ein monolithischer – das Material dazu (Sicht)Beton. Die Lehmbauten Nordafrikas sind Referenz und Inspiration gleichermaßen, aber auch der konstruktive Aufbau der Habitation von Le Corbusier – jedenfalls für Hollomey und seinen Unterricht an der Technischen Universität. Diese Vorgehensweise ist nach der ersten Ölkrise von 1973 nicht mehr haltbar. Mehrschichtigkeit der Gebäudehüllen und konstruktive Differenzierungen mit Materialanwendung nach Bedarf setzen sich durch.

     

    Die völlig andere Entwurfshaltung der Großstruktur Ragnitz gegenüber der Materialisierung bei der Terrassensiedlung zeigt ein kleiner Bau von Domenig und Huth in unmittelbarer Nähe der Siedlung: ein eingeschossiges Lehrlingszentrum in der Hans-Brandstetter-Gasse. Für uns, während des Studiums geografisch genau zwischen diesen beiden konträren Bauten angesiedelt, war das Spektrum der Architektur dieser Zeit sehr präsent. Raumgedanke, Umgebungsbezug und Konstruktion der Hülle weisen einen Weg der „plastischen Materialität“, der besonders von Domenig später konsequent weiterentwickelt wird.

     

    Die Grazer Terrassenhaussiedlung braucht auch den Vergleich mit den internationalen Ikonen dieser Zeit nicht zu scheuen (z.B. Robin Hood Garden, 1972, von Allison und Peter Smithson oder Habitat 67, 1969, von Moshe Safdie). Als gebaute Realität ist sie ein Musterbeispiel für ein erfolgreiches, zukunftsfähiges Experiment von unschätzbarem Wert für jede Wohnbauforschung, mittlerweile 35 Jahre alt. Experimente sind ein wesentlicher Baustein für jede Weiterentwicklung von Architektur. In Österreich vermissen wir sie heute schmerzlich.

     

    [1]
    Eine Bezeichnung von Friedrich Achleitner, (vgl. FA 1967, Aufforderung zum Vertrauen, Architektur seit 1945, in: Otto Breicha/Gerhard Fritsch (Hg.), Aufforderung zum Misstrauen. Literatur Bildende Kunst Musik in Österreich seit 1945, Residenz, Salzburg 1967), den er selbst dann in seinem Text „Gibt es eine ‚Grazer Schule‘?“ 1993 (s. F.A., Region, ein Konstrukt? Regionalismus, eine Pleite?, Birkhäuser, Basel 1997) wieder hinterfragt. Für die Architekten der Werkgruppe Graz assoziiert sich mit diesem Begriff die bereits im Jahr 1951 von Prof. Karl Raimund Lorenz zusammengestellte Schau studentischer Arbeiten, samt Katalog, unter dem Titel „Architekturschule Graz“, die im M.I.T. Cambridge, Mass., gezeigt wurde.

     

    [2]
    vgl. Bernhard Hafner, Architektur und sozialer Raum. Aufsätze und Gespräche über Architektur und die Stadt, Löcker, Wien 2002

     

    [3]
    aus: gat.st/news/ Bernhard Hafner: Vom Himmel zur Erde und zurück, Verfasser: Martin Grabner, Nachlese 03/05/2010
    Weiters vgl. Hafner in Architektur und sozialer Raum. Aufsätze und Gespräche über Architektur und die Stadt, a.a.O.: „Die Form der Stadt ist zusammengesetzt (kollektiv). Die Architektur der Stadt ist struktural. Sie ist zeitabhängig, vollzieht sich langfristig. Sie ist pluralistisch: An ihrem Bau nehmen viele gleichzeitig und zeitversetzt teil. Sie ist kontextual: Jede Architektur, jede Luftarchitektur ist eine Anregung für andere, macht eine Geste, die aufgenommen oder verworfen werden kann, mit der der Architekt sich auseinandersetzt. Sie ist räumlich mannigfaltig und vielfältig in der Nutzung des Raumes (...).“

     

    [5]
    aus: Die Architektur und ich: eine Bilanz der österreichischen Architektur seit 1945 vermittelt durch ihre Protagonisten von Maria Welzig und Gerhard Steixner, Böhlau, Wien 2003

    Bettina Götz, ARTEC Architekten
    Wien, 2013

     

    Wenn man vom „Wohnen“ spricht, speziell vom „Wohnen“ in urbaner Dichte, dann spricht man immer auch vom „Bewohnen“ der Stadt außerhalb der eigenen vier Wände.

     

    Das eindrücklichste, schaurig-schönste Beispiel für das Fehlen dieser Zusatzräume ist wohl Kowloon Walled City, Hong Kong - abgerissen 1993: ein über Jahrzehnte zugewucherter Organismus, am Ende seiner Lebenszeit mit Nutzungen vollgestopft, ohne Spielraum, ohne öffentliche Aufenthaltsqualität - Gated Community - Anarchie - Abriss.

     

    1

    „Urbanes Hausen“ bedeutet also Strategien, Typologien und Voraussetzungen für eine lebenswerte, hoch verdichtete, neuartige Stadtstruktur zu finden und zu definieren.

     

    Unserer Meinung nach müssen solche Strategien von einem möglichst abstrakten, neutralen Grundmodell aus gedacht werden: zum Beispiel einer Rasterstruktur, nicht nur zweidimensional sondern durchaus räumlich, z.B. als Gitter bearbeitet.

     

    Erfolgreiche Stadtmodelle, egal ob europäische Städte wie Barcelona oder Wien oder amerikanische wie New York, asiatische wie Tokio, können auf derartige Strukturen rückgeführt werden.

     

    2 3 4 5

    Unterschiedlich ist die jeweilige räumliche Zuordnung der erlaubten Höhenentwicklung, ausgehend von einer gewählten Grundausdehnung des Stadtbaukörpers. Aus diesen, mehr oder weniger willkürlich, oder auch topografisch bedingten Regeln entsteht der individuelle, ganz spezifische Charakter der jeweiligen Stadt.

     

    6

    Diese brauchbaren Modelle zu analysieren, neu zu interpretieren und wieder zu abstrahieren, ist für uns ein elementarer Ausgangspunkt zur Erforschung eines neuen, hybriden Stadtbausteins.

     

    Nicht der Raster allein kann die Lösung sein, viel eher geht es um eine Definition der darin enthaltenen Leerstellen, um die „Luft“ - also um den notwendigen Spielraum in der Bebauung, der nachträgliche Zu-, Ein- und Umbauten, Ergänzungen, Zwischennutzungen usw. zulässt und so den Raster individualisiert und merkfähig macht.

     

    7a 7b 7c

    Wien als wachsende Stadt, die jährlich mehrere Tausend Wohnungen neu errichtet, hat mit dem Instrument der Wohnbauförderung und den zugehörigen qualitätssichernden Vergabebedingungen wie Bauträgerwettbewerb und Grundstücksbeirat ein grundsätzlich überzeugendes Modell zur Sicherung urbaner Wohnqualitäten.

     

    Allerdings zeigt die Wiener Baurealität, daß das Instrument der Wohnbauförderung alleine nicht genügend leistungsfähig zur Errichtung neuer, zukunftsfähiger Stadtbausteine ist. Wohnbauprojekte im Kontext des bestehenden, funktionierenden Stadtkörpers bieten hohe Wohnqualität, unter Ausnutzung der bestehenden Infrastrukturen und öffentlichen Räume.

     

    Wenn man allerdings aktuelle Stadterweiterungsgebiete am derzeitigen Stadtrand betrachtet, tritt das Problem deutlich zu Tage: hier will mit den Geldern der Wohnbauförderung auch die Infrastruktur finanziert werden, also Straßen, Schulen, öffentlicher (Spiel-)Raum.

     

    Somit steigt der Druck auf die Ausnutzung der Grundstücke. Unverträglich hohe Bebauungsdichten, bezogen auf die Lage am Stadtrand, sind die Folge, bei monofunktionaler Wohnnutzung. Es entstehen tote Viertel statt lebendiger Stadt.

     

    Wien bzw. jede wachsende Metropole muß daher nach Bebauungsstrukturen suchen, die die vorhin angesprochene „Luft“ für zukünftige Notwendigkeiten beinhalten: also Gebäudestrukturen, die im besten Sinne „unfertig“ sind, die freie Bereiche für eine lebendige Nutzung des städtischen Raumes ermöglichen.

     

    Diese Nutzungen sind für qualitätvolles Wohnen in der Stadt unabdingbar, wenn solche Angebote fehlen und unmöglich sind, hat die Stadt ihren Vorteil des vielfältigen Angebotes an erweitertem Wohnraum verspielt. Man wohnt dann wohl besser am Land.

     

    Unser Projekt für „Spark City“, Bratislava, ist der Versuch, einen robusten Stadtbaustein mit genügend Spielraum für zukünftige Erweiterungen zu formulieren: ausgehend von einem räumlichen Gitter mit eigens formulierten Bildungsgesetzen (z.B. keine Baukörperecken am Geschoß, Besonnung für alle Wohnungen) wird ein komplexes, räumliches Grundgebilde definiert, welches einerseits  hohe Wohnqualität in der gesamten Struktur aber auch hohe Merkfähigkeit und Aufenthaltsqualität der öffentlichen Räume bietet.

     

    8

    So soll eine positive Identifikation der Bewohner mit dem Quartier ermöglicht werden und genügend Elastizität für zukünftige Nutzungen erzeugt werden.

     

    Der Anteil des Leerraumes ist genau so groß, daß einerseits die gedachte Grundstruktur des Raumgitters erkennbar ist, der individuellen Ergänzung aber ausreichend Potential zur Verfügung steht.

     

    9 10 11

    Als Beispiel einer allgemein verwendbaren Typologie soll unser Projekt „Die Bremer Stadtmusikanten“ dienen.

     

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    In Anlehnung an den erfolgreichen Auftritt von Gockel, Katze, Hund und Esel in der Erzählung der Brüder Grimm, bildet die Stapelung von vier, normalerweise singulär verwendete Wohntypologien das Konzept dieses Terrassenhauses.

     

    13

    Suburbane, zweigeschoßhohe Typologien mit jeweils spezifischen, zugeordneten Freiräumen werden zu einem dichten, städtischen Paket gestapelt: zuunterst ein offenes Raumkonzept mit Galerie im hinteren Bereich und Garten vorgelagert, darauf gestellt eine Maisonette orientiert zu einem Atrium, dann zweigeschoßige Reihenhäuser mit einem Garten und obendrauf Kleingartenhäuser mit Höfen zwischen den Häusern.

     

    14

    Eingeschoßige Wohnungen mit zweigeschoßhohem Loggienraum („Casablanca-Typologie“) ergänzen den Typenvorrat.

     

    15

    In der Überlagerung mit dem konkreten Grundstück „Tokiostraße“ wird, aufgeständert entlang der Straße, ein Trakt der Casablanca-Wohnungen abgestellt. Ein einfaches, bandartiges, die Wohnungen in der Fassade markierendes Element, gibt dem rigiden Block Physiognomie zum öffentlichen Raum und der Wohnung Abschluß gegen die Straße.

     

    16 17

    Erschlossen wird die Struktur mittels einer dazwischen liegenden offenen Halle. Dieser Bereich ist sehr großzügig dimensioniert, bietet im Erdgeschoß wiederum die „Luft“ für Zukünftiges und in den Laubengangbereichen der oberen Geschoße ausreichende Breite für Nutzungen als „erweiterte Wohnzimmer“.

     

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    Am Dach des Casablanca - Bauteils bietet ein Schwimmbad zusätzliches Aufenthalts- und Freizeitpotential.

     

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    Wenn die Stadt lebt, wenn die Funktionen und Abläufe flexibel und intelligent organisiert werden können, dann ist sie auch ästhetisch, ökonomisch und zukunftsfähig.

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Details, architecture seen in section. Venedig 2014

     

    Architektur ist Raumdenken, verbunden mit Handwerk. Das Handwerkliche der Architektur zeigt sich am Detail.

     

    Das Detail kann als Übergang von einem Flächenzustand zu einem anderen beschrieben werden. In der bildenden Kunst beispielsweise handelt Malerei von der Fläche, die Zeichnung vom Detail - oder genauer, von den Bruchlinien zwischen den Flächen. Die Ausbildung der Details definiert die Struktur der Oberfläche einer Form.

     

    Eine spezifische Art der Ausbildung der Details ist Voraussetzung für die Unterscheidbarkeit von Entwerfer und Bauwerk in einer homogenisierten Welt.

     

    Die beliebige Anwendbarkeit unterschiedlichster Formvorstellungen, welche heute durch die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung allen überall zugänglich sind, lässt an einen neuen Klassizismus denken. Neben der Raum-Anwendung (Raumerfindung?) bleibt das Detail so zusammen mit der Konstruktion Mittel zu einer authentischen Architektur.

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Wien, 2015

     

    Notizen aus Anlass des drohenden Abbruchs eines Baudenkmals

     

    Architektur kann in ganzer Wirkung nur am realen Objekt erfahren werden. Das Hallenbad von Josef Lackner für Paul Flora ist ein räumliches Unikat und Raumwunder, ein in dieser Form sonst nicht mehr existentes Konstrukt von außerordentlicher Wirkung: Weite, und zugleich Geborgenheit, durch die ondulierende Form und die übergroßen Rundöffnungen der Decke, Unfasslichkeit, weil der hintere Teil des Bades vom vorderen nicht gesehen werden kann und der Weg übers Wasser nur dem Schwimmer möglich ist. Das Florabad hat noch dazu den Vorzug, daß Lackner diese Besonderheiten an einem sehr kleinen Gebäude zur Geltung bringen konnte. Das Weiterbestehen beansprucht nicht viel Platz und die Unterhaltskosten sind gering.

     

    Das Bad ist ein „einfacher“ Bau, und als vergleichbar an minimalem Aufwand und maximaler Raumwirkung fällt uns nur die gotische Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg ein.

     

    Die Wüstenrot Stiftung in Deutschland hat gezeigt, wie wesentliche Raumschöpfungen der Moderne erhalten, restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Eine Sammlung von ikonischen Räumen der Gegenwart würde dem österreichischen Staat als kommendes baukulturelles Gedächtnis ebenfalls gut anstehen.

     


     

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Wien, am 22. April 2013

     

    In den letzten Monaten ist unvermittelt und vehement, dabei völlig ohne inhaltliche Auseinandersetzung, der Wohnbau in Österreich zu einer „politischen“ Thematik auf Bundesebene aufgestiegen. Die Brisanz des Themas liegt allerdings in der Luft, wenn man sich allein die Entwicklung der Wohnungspreise in Wien innerhalb des letzten Jahres vergegenwärtigt.

     

    Wohnungsbau ist die Grundlage des gebauten Umfelds. Hier wird kulturelles Gelingen oder Scheitern einer Bevölkerung - das Allgemeinbefinden und der Umgang miteinander - maßgeblich geprägt. Die Ansprüche an brauchbaren Wohnungsbau ändern sich mit technologischer Entwicklung und gesellschaftlicher Veränderung. Der veränderte Anspruch zum Beispiel an eine thermische Hülle, oder die steigenden Scheidungsraten, und in der Folge vermehrten Singlehaushalte und Patchworkfamilien. Hier fehlt eine begleitende bauliche und theoretische Erforschung, gelungene Einzelbeispiele zeigen (schon wegen der Größenordnung) wenig Wirkung.

     

    Vor ca. vierzig Jahren hat der österreichische Staat sich das Instrument der Wohnbauforschung geleistet, mit Musterwettbewerben im ganzen Land („Wohnen Morgen“), und begleitender Forschungstätigkeit zu exemplarischen Anlagen. Diese Investition ist ohne Ersatz abhandengekommen, mit der Konsequenz, daß eben inhaltlich de facto nicht mehr über den Wohnbau verhandelt wird.

     

    Daneben haben Architekten wie Roland Rainer mit Puchenau oder die Grazer Werkgruppe mit der Terrassensiedlung dazu Beispiele in Form großer Anlagen geschaffen, die Wohnen auf kleinem Raum mit maximaler Großzügigkeit ermöglichen. Diese Bauten, die sich einer außerordentlichen Beliebtheit bei den Bewohnern erfreuen, sind ohne Wettbewerb direkt beauftragt entstanden, dadurch, daß Entscheidungsträger in der Lage waren, verantwortlich und verantwortungsbewusst zu handeln. Ein Vorgang, der heute so nicht mehr denkbar ist.

     

    Infolge der beschränkten Mittel strapaziert Wien derzeit den Begriff des „smart“ Wohnens.

     

    Gemeint ist, daß Gebäude mit verkleinerten, „kompakten“ Grundrissen hergestellt werden, ohne daß zu dieser Verminderung eine neue Qualität dazukäme. In der Konsequenz bedeutet das, daß bei einer Wohnung die billige – weil uninstallierte – Fläche schrumpft, während der teure, haustechnisch geprägte Teil der Wohnung gleich groß bleiben muss. Die Folge daraus ist dann nicht eine Verbilligung des Quadratmeterpreises im Wohnungsbau, sondern eine Verteuerung. Die kleinen Wohnungen werden im Verhältnis teurer. Das ist dann ungefähr das Gegenteil von dem was angestrebt war, eben eine Verbesserung für die kleinen Einkommen. Wenn dieses jetzt teurere Produkt dann wirklich billiger werden soll, geht es nur noch über eine drastische Verminderung der Qualitäten.

     

    Wir schlagen vor, hier einen gegenteiligen Weg zu verfolgen. Der kostenintensive, thermische Teil einer Wohnung kann ungern, aber doch verkleinert werden, soweit das noch zu einem vernünftigen Grundriss führt. Zusätzlich werden für die Wohnungen aber großzügige kostengünstige Außenflächen geschaffen. Die Verteuerung des Quadratmeterpreises der Wohnungen durch das Schrumpfen der uninstallierten Zonen in der Wohnung wird nicht wie oben durch Herabsetzen der Qualitäten erreicht, sondern durch billige, weil „kalte“ Zusatzflächen, die den Quadratmeterpreis drücken, je größer der Anteil dieser Flächen ist.

     

    Natürlich ist diese Rechnung nur aus der Sicht einer Volkswirtschaft gültig, nicht wenn eine einzelne Wohnung betrachtet wird. Aber um was sonst geht es schlussendlich. Wenn ausschließlich Einzelinteressen betrachtet werden, hat dieser Anspruch keine Chance.

     

    Im Sinn eines tatsächlich nachhaltigen Vorgangs wäre bei einem oben beschriebenen Wohnbau sogar möglich, daß der Bewohner, ausgestattet mit beschränktem thermischen Wohnraum, aber großer Loggien- und Terrassenfläche und mit großen privaten Vorbereichen in der Erschließung, sich selber unbeheizte Teile dazubaut. Diese Puffer-Räume, die die gleiche Funktion haben wie früher die Veranden, erhöhen wieder die benutzbare Fläche der Wohnung, wobei sie gleichzeitig zu einer Verbesserung der thermischen Hülle beitragen, ohne daß öffentliche Mittel dazu beansprucht werden.

     

    Wir haben zusammen mit Anderen zu dieser Thematik ein Bausystem entwickelt, das in der Lage sein sollte, zumindest eine der möglichen Antwort zu geben. Bisherige Versuche der Umsetzung sind gescheitert. An ein Aufgeben ist nicht gedacht.

    Bettina Götz, ARTEC Architekten
    Essay im Rahmen der Veranstaltung „Uneven Growth: Tactical Urbanisms for Expanding Megacities”, MAK, Wien, 2015

     

    Unsere jahrzehntelange, intensive Beschäftigung mit dem Wohnbau hat uns zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit der „Stadt“ gebracht.

     

    Wohnbau ist zwar eindeutig Inhalt und Baumasse des Stadtkörpers, aber genauso eindeutig generiert Wohnbau alleine keine Stadt. „Stadt“ ist großmaßstäbliche Organisation für einen (unendlich) langen Zeitraum, organisiert also alles was außerhalb der eigenen vier Wände passiert, öffentlich und veränderbar ist. Wohnen ist kalkulierbar - die menschlichen Grundbedürfnisse - Kochen, Essen, Waschen, Schlafen - haben sich noch nie geändert und es schaut auch nicht danach aus. Wohnstrukturen sind also abstrakt - typologisch aus den Anforderungen und technischen Erkenntnissen ihrer Bauzeit entwickelbar, die Anwendung im Einzelfall kann individuell, zum Beispiel an eine bestimmte Topografie, adaptiert werden.

     

    Anders verhält es sich mit dem Faktor „Öffentlichkeit“. Es ist die prägendste aber ungreifbarste Komponente der Stadt, die von Mentalitäten bestimmte, besondere architektonisch-räumliche Charaktere ausformt, die wiederum von den täglichen Bedürfnissen ihrer Bewohner bestimmt werden. So entstehen emotionale Räume, die das Bild unserer Städte prägen und es sind diese emotionalen Räume, die uns in Erinnerung bleiben und unser Bild der Stadt definieren: zum Beispiel: Paris mit den breiten Boulevards, London mit den Vorgärten, Barcelona mit den einzigartig  abgeschrägten Ecken (Eixample) etc.

     

    Städte schrumpfen oder wachsen, je nach demografischer Entwicklung und den politischen Zuständen in der Welt. Die europäische Stadt, als über die Jahrhunderte gewachsene Struktur, verkraftet diese Prozesse und behält trotz Wachstum oder Schrumpfung ihre Identität.

     

    Architektur und damit auch die Stadt entwickelt sich durch neue Anforderungen weiter. Die wirklich neue Forderung des 21. Jahrhunderts ist die Stadt für eine Bevölkerung, die deutlich älter wird als frühere Generationen. Das ist eben nicht eine Frage der völligen Barrierefreiheit, sondern die Frage einer „schwellenlosen“ Öffentlichkeit von höchster architektonischer Aufenthaltsqualität.

     

    Diese „Elastizität des Stadtkörpers“ ist es, was die Stadt vom Gebäude unterscheidet. Ein einzelnes Gebäude kann als Solitär vom Auftraggeber in seiner Funktion definiert, vom Architekten fix und fertig geplant und gebaut werden. Das Gebäude als Teil der Stadtstruktur kann niemals „fertig“ sein. Die Stadtstruktur muss in sich immer genug „Luft“ für Unvorhersehbares beinhalten, bei gleichzeitiger Erschaffung identitätsstiftender Öffentlichkeit. Und dafür muss auch in neu zu errichtenden Städten oder Quartieren Platz sein. Und dieser „Raum“ ist nicht funktionell und auch nicht mit Quadratmeterzahlen fassbar. Weil er aber auch nicht keine räumliche Fläche braucht, scheint es uns adäquat dafür unter dem Begriff „unfertig“ Reserven vorzusehen. Reserven aber nicht allein für später ergänzbare Nutzflächen, sondern auch für räumliche Qualitäten, die emotionalisieren.

     

    Formale Kriterien oder die Definition einzelner Gebäude im Zusammenhang mit Städtebau sind obsolet, die (teilweise realisierten) Masterpläne der (europäischen) Stadterweiterungsgebiete der letzten Jahrzehnte beweisen die Mangelhaftigkeit. Der öffentliche Raum als Raum der Teilhabe, als erweitertes Wohnzimmer, Erholungsraum, Touristenattraktion oder was immer, einfach als Ergebnis und Mehrwert einer sinnvollen Stadtstruktur, als zusätzliches, nicht kommerzielles Angebot für seine Nutzer macht Stadt erst lebenswert.

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Wien, im April 2015

     

    Welzenbacher war in den Siebzigern in Graz wenig bekannt. Geändert hat sich das schlagartig mit der umfassenden Bestandsaufnahme der Österreichischen Architektur durch Friedrich Achleitner, welche den Fokus in einer kaum vorstellbaren Weise zurechtgerückt hat. So hat die frei-fließende Formenwelt beim Haus Heyrovsky bleibenden Eindruck hinterlassen.

     

    Schon als noch-nicht-Studenten ist Corbusiers Ronchamp eine Ikone, und die Erkenntnis, daß Welzenbacher sich diese Freiheiten des Gestaltens bereits zwanzig Jahre vorher genommen hat, war erstaunlich (mit Scharoun ist er einer der wenigen Pioniere auf diesem Feld).

     

    Vom Zug aus ist in Innsbruck das hermetische Sudhaus Adambräu mit der tiefliegenden Glasfassade immer markant zu sehen und hat zu Spekulationen über den Inhalt angeregt. Bei den seltsamen Zipfelmützen der Kegeltürme der heute nicht mehr existenten Tonhalle in Feldkirch war man etwas ratlos geblieben.

     

    Welzenbacher hat viel gebaut und noch mehr gezeichnet. Die verbundenen Doppelscheiben des Projekts zur Verbauung des Schelde-Ufers in Antwerpen von 1933 tauchen nach dem Krieg als Vorschlag wieder auf für die Verbauung des Donaukanals in Wien. Eine Realisierung dieser filigranen und zukunftsweisenden Strukturen hätte weitreichende Vorbildwirkung haben können.

     

    Das unrealisiert gebliebene Projekt für ein „Kleinsthaus“ in Absam bei Innsbruck bringt „Architektur“ auf den Punkt.

     

    Selten hat man als Architekt das Erlebnis, daß ein seit langem aus der Publizistik bekannter Bau auf einer Reise plötzlich in ungestörter Präsenz - was Gestalt, Umfeld und Benutzung betrifft - auftaucht.

     

    So geschehen bei einer Fahrt durchs Salzkammergut nach einer Preisverleihung zusammen mit Helmut Richter, als nach einer Wegbiegung unvermutet, wie ein Reh auf einer Lichtung, das Plischke Haus am Attersee auftaucht.

     

    Oder beim Anflug auf Innsbruck der zerstört vermutete Schlüsselbau von Lackner - die Ursulinenschule - in ganzer Pracht im Fenster zu sehen ist.

     

    So ist uns auch das Haus für Mimi Settari von Welzenbacher begegnet. Bis dahin völlig von uns unterschätzt in seiner auf Fotos (im Gegensatz zum Plan) geradezu „bamstigen“ oder „verhatschten“ Gestalt. Am Abhang über dem Etschtal bei Barbian, auf einem Spaziergang von den eigenwilligen drei Kirchen (wie die Verdoppelung einer Wendeltreppe in der Grazer Burg zu einem grandiosen Raum wird, werden drei eng gestellte einfache Kirchen zu einer markanten Figur) zum schönen Berghotel von Lanzinger, war das „Reh auf der Lichtung“ plötzlich wieder da, als das Settari Haus unerwartet dasteht: eine aus dem Licht geschälte, dreidimensional geformte, der Topografie entwachsene Plastik.

     

    Zusammen mit seiner Umgebung ist das Haus eine Formschöpfung von selbstverständlicher und zeitloser Eleganz, erfassbar nur wirklich in der Realität.

    Bettina Götz and Richard Manahl, ARTEC Architekten
    House of ORIS, Zagreb, 2016

     

    As fundamental conception, the notion of space as a particular and distinctive quality is an aspiration that, especially since the baroque era, has enriched architecture.

     

    In the present situation in which strict economic limits are imposed on architecture, the integration of spatial reserves that go beyond the specified program can make it possible to codify this approach. At the same time, on account of these additional spatial reserves, the buildings will be able to react to unknown future requirements.

     

    This spatial conception, coupled with the conviction that buildings should offer the public more than just private functions, is developed anew in response to the respective context.

     

    Building structures, in the sense of abstractly developed concepts, constitute the grammar of the work; the physical context determines its application and transformation. Ideas for concepts can come from any and everywhere.

    Bettina Götz, ARTEC Architekten
    Vortrag bei den Festwochen Gmunden, 16. Juli 2016

     

    „Gründe haben“, sagt Franz Schuh, ist der Stolz der Philosophie.

     

    Architektur hingegen hat immer weniger Gründe, buchstäblich, und im übertragenen Sinn. Im wortwörtlichen Sinn, das heißt, die Grundstücke sind bald alle, und es gibt eine immer weiter verbreitete Meinung, daß schon bald genug gebaut ist, und es in Zukunft reichen wird, weitgehend den Bestand weiterzubauen.

     

    Und der Architektur fehlen die guten Gründe, die Beweggründe, die Begründungen, warum ein Gebäude irgendwie ist.

     

    Architektur braucht Inhalt. Was sonst - kann man jetzt sagen, denn natürlich ist „Inhalt“ im Falle von Architektur immer auch Raumprogramm, benennt also taxativ Flächen und Funktionszusammenhänge, aus denen sich als Konsequenz die Größe und damit die Kosten des umbauten Raumes ermitteln lassen.

     

    Dann wäre ein Gebäude nur ein gebautes Funktionsschema und unsere gebaute Umwelt wäre wohl ganz schön langweilig.

     

    Warum ein Gebäude aber über die Funktion hinaus irgendwie ist, erklärt Josef Lackner zum Beispiel so: „Ideen sollen unser Handeln bestimmen. Die Architektur drückt Ideen aus - oft fehlen diese und man baut trotzdem. In diesem Falle wäre die Idee, es nicht zu tun, die beste.“

     

    Wir Architekten brauchen also auch die Theorie, ein zu Grunde liegendes Konzept, also Inhalt im Sinne von Programm, von Vision, von (Er-) Neuerung bestehender Regeln.

     

    Nur vor solchem Hintergrund kann entstehen was wir alle schätzen und lieben - nämlich die emotionale Qualität von Raum. Deswegen unternehmen wir Reisen in fremde Länder und Städte und besichtigen überall mit Vorliebe Gebautes - seien es Kirchen, Museen, Wohnbauten, Plätze oder was auch immer.

     

    Die Einzigartigkeit und Merkfähigkeit räumlicher Ausprägungen hat jedoch immer auch mit den Wünschen und Forderungen - also mit Inhalt - aber eben auch mit den Mentalitäten ihrer Architekten und Nutzer zu tun. So ist beispielsweise unser Bild von Paris eindeutig unterscheidbar von unserer Vorstellung von London.

     

    Weil gebaute Architektur immer an ein öffentliches oder auch privates Baubedürfnis gebunden ist, ist die Beschäftigung mit Inhalt von Architektur essentiell.

     

    Besonders, wenn es um öffentliche Bauaufgaben geht, ist die Aufgabe, einen Inhalt, über das simple Raumproramm hinaus zu definieren, anspruchsvoll.

     

    Außergewöhnlich gute Architektur entsteht nur, wenn Architekt und Auftraggeber auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können. Dazu benötigt auch der Auftraggeber Fachkompetenz - im Speziellen in seiner Funktion als Vertretung der Öffentlichkeit. Nicht nur in einem Kriminalroman kommt der Handlung eine entscheidende Rolle zu, auch im Falle von Architektur ist ein radikales Programm schon „die halbe Miete“.

     

    Dafür zuständig ist (auch) die Politik.

     

    Denn: “ Architektur kann sich nämlich nicht außerhalb des Systems stellen; zur Realisierung muss sie einen mächtigen Teil der Gesellschaft auf ihrer Seite haben.“ Sagt Hermann Czech.

     

    Gründe, Grundstücke entstehen heute im Zusammenspiel zwischen Politik und Raumplanung. Der Städtebau ist uns Architekten abhandengekommen. Raumplaner ohne (inhaltlichen) Plan, geschweige denn einer Theorie, regulieren die politischen und investorischen Bedürfnisse. Beschleunigtes, globales Stadtwachstum findet statt ohne Idee, oder mit Ideen von vorgestern.

     

    Dabei müssten gerade die derzeit überall notwendigen Stadterweiterungsgebiete die Kathedralen des 21. Jahrhunderts werden. Wir brauchen neue Stadtzentren höchster räumlicher Qualität, wo wir unsere Zeit verbringen wollen, wo wir extra hinfahren, wie heute zum Beispiel in die Salzburger Altstadt.

     

    Nehmen wir New York als Beispiel: ein simples Raster mit Festlegung des öffentlichen Raumes, überlagert mit der Einbindung ortsspezifischer Bedingnisse (Broadway z.B.) und eine stadtgestalterische Minimalfestlegung einer möglichen Bebaubarkeit der Baufelder, hat zu unerwartet eigenständigen Resultaten geführt. Die einzige „moderne“ Stadtgestalt, die bisher zustande gebracht wurde. Einfache Gründe und einfache Regeln können also zu sehr komplexen und äußerst brauchbaren Ergebnissen führen.

     

    Das lässt den Faden weiterspinnen, und uns vermuten, daß alle komplexen, im Ergebnis brauchbaren, und vom späteren Nutzer oder Besucher höchst geschätzten Baustrukturen durch im Ansatz jeweils einfache Grundstrukturen und Bauregeln entstanden sind - und nicht durch „Gestaltung“. Städtebau ist also nicht die Definition von Baukörpern, sondern besteht viel eher aus Regeln, wie vielleicht ein Schachspiel. Zukunftsoffen. Unfertig. Wir müssen beginnen aus einem anderen Blickwinkel auf die Fragen von Dichte und Urbanität zu schauen, um die beiden Bestandteile der Stadt - die merkfähige Qualität des Öffentlichen und den Wohnbau - unter einen Hut zu bringen.

     

    Den Architekten ist übrigens nicht nur der Städtebau abhandengekommen, sondern, am anderen Ende der Mittel, auch der Möbelbau, die „mobili“, also die große Festlegung und die kleine Beweglichkeit.

     

    Was bleibt, ist das ausformulierte und allein gelassene Einzelobjekt. Kein schlechtes Schicksaal, durch die ganze Architekturgeschichte ist das exemplarische Einzelobjekt von eminenter Bedeutung.

     

    Über die fehlenden Gründe gehen den Architekten, wenn sie nicht der Meinung sind, alles sei schon gebaut worden, die Grundlagen aus. Das kann im schlechteren Fall zu einem massiven Anstieg der Baudichten führen, im besten Fall führt es vielleicht immerhin zu außergewöhnlichen und kreativen Vorgangsweisen seitens der Beteiligten.

    Bettina Götz, ARTEC Architekten
    Erschienen in Wohnen. Migration als Impuls für die kooperative Stadt, herausgegeben von der Leibnitz Universität Hannover, Jovis Verlag, Berlin, 2017

     

    Der Bedarf an Wohnraum hat fast dramatische Ausmaße erreicht und die Ursachen liegen nicht allein in den großen Flüchtlingsströmen sondern vor allem in einer ganz allgemein zu geringen Wohnbautautätigkeit in den letzten Jahren. In Zeiten großer Wohnungsknappheit und ausgeprägtem ökonomischen Druck auf Wohnungsgrößen und Komfort gewinnt die Qualität des Öffentlichen neue Bedeutung. 

     

    Der öffentliche Raum wird zunehmend als Bestandteil des täglichen Gebrauchs genutzt, er wird zum erweiterten Wohnzimmer. „Shared Spaces“ von ausgeprägter architektonischer Qualität in allen Bereichen des urbanen Lebens müssen in Ergänzung zum knapp bemessenen Privatraum als temporäre Aneignungsräume vorhanden sein.

     

    Also müssen wir uns nicht nur mit leistungsfähigen Wohntypologien beschäftigen, sondern vor allem auch mit den zugehörigen architektonischen Ausprägungen des öffentlichen Raums, also mit Raumqualitäten, die Emotionen hervorrufen und „Stadt“ damit „speziell“ und merkfähig machen. Dazu benötigen wir eindeutige (Spiel-)regeln, die den Anteil an öffentlichen Raum im Verhältnis zur angestrebten Bebauungsdichte ins Verhältnis setzen und vor allem diesen Anspruch als fixen Bestandteil des Urbanen sichern  - je dichter desto öffentlich.

     

    Stadt ist organisierte Öffentlichkeit.

     

    Die einzelnen Ebenen der Nutzung von öffentlich bis privat sind durch „Schwellen“ miteinander verknüpft. Diese Schwellen sind durchaus verschiebbar und können immer wieder neu verhandelt und definiert werden. Gerade heute, wo vor allem die Grenze zwischen Arbeit und Wohnen eigentlich bereits aufgehoben ist, stellt sich auch die Frage der Grenze zwischen privat und öffentlich wieder neu.

     

    Die Wohnung selbst wird immer kleiner und die Gründe dafür sind nicht nur ökonomischer Natur. Das wäre auch widersinnig, da die kleine Wohnung in Wirklichkeit teurer ist, als die große, weil ja der Anteil an hoch installierten Flächen (Küchen und Sanitär) anteilsmäßig steigt.

     

    Reduzierbar ist nur die „Luft“ in der Wohnung, also genau jener Teil, der die Wohnung „vielseitig brauchbar“ macht und verhältnismäßig günstig zu errichten ist.

     

    Siehe die gründerzeitliche Wohnung, die zwar immer ein bisschen zu groß oder zu klein ist - aber immer funktioniert es noch „irgendwie“. Und dieses „irgendwie“ ist eben sehr charmant, weil es Unvorhersehbares möglich macht. Und diese Erkenntnis wiederum kann vielleicht in eine neue Qualität des aneigenbaren Öffentlichen transformiert werden. Die Struktur eines Wohnraumes im Öffentlichen ist ja zum Beispiel eher kein großer, weiter Platz, sondern müsste im Gegenteil aus „Nischen“ bzw. „Ausbuchtungen“ oder „Erkern“ bestehen, also aus Strukturelementen, die zwar bekannt sind, aber neu interpretiert werden müssen.

     

    Gegenteilig funktioniert die Minimalwohnung, wo jedes Teilchen im besten Falle seinen fixen Platz hat wie in der Frankfurter Küche. Viele Funktionen und Annehmlichkeiten des täglichen Lebens sind in diesen Minimaleinheiten unmöglich - Arbeiten am Computer geht vielleicht noch, aber Feste feiern, Essenseinladungen, handwerkliches Arbeiten, gleichzeitiges Verrichten verschiedener Tätigkeiten sind eigentlich fast nicht machbar.

     

    Aber die Städte wachsen und ein sinnvolles Wachstum ist die Nachverdichtung und damit das Nutzen bereits vorhandener Infrastrukturen. Da diese Nachverdichtungen bestehender Strukturen immer nur begrenzt möglich sind, entsteht auch hier ein Druck auf die Größe der Wohnung. „Minimalappartements“ mit 30- 40 m², dafür aber in exquisiter Lage, sind ein Trend, den man in den Weltmetropolen derzeit überall beobachten kann.

     

    Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da in den sehr guten Lagen, also den innerstädtischen Lagen, der öffentliche Raum, als eine über einen langen Zeitraum gewachsene, immer wieder transformierte und optimierte Struktur,  eben sehr gut funktioniert und so die Aufgaben eines „erweiterten Wohnzimmers“ quasi nebenbei erfüllt.

     

    Und daran müssen wir uns ein Beispiel nehmen: je höher die Dichte und je kleiner die einzelnen Wohneinheiten, desto attraktiver und leistungsfähiger der öffentliche Raum.

     

    Selbstverständlich ist damit nicht nur der Freiraum gemeint, alle öffentlich zugänglichen Räume, vom Bahnhof über den Basar bis zur Bibliothek sind Teil der kollektiven Öffentlichkeit. Ein Hauptaugenmerk muss auf einer Zugänglichkeit möglichst ohne Schwellen und einer nicht kommerziellen Nutzungsmöglichkeit liegen. Also nicht nur der Park und die Parkbank als Notschlafstelle müssen gesichert sein, sondern ein möglichst vielfältiges Angebot wird gebraucht. Der öffentliche Raum muss neu gedacht werden. Unsere Städte müssen hybrider werden und alle öffentlichen Bauten mit ihnen: warum zum Beispiel stehen Schulen während der Ferien leer und Hotels sind nur während der Hochsaison ausgelastet? Völlig neue Kombinationen sind denkbar und notwendig, allein wenn wir an die Anforderungen aus Zuzug und fehlende Raumreserven denken.

     

    Wien zum Beispiel ist eine wachsende Stadt, die, seit das Rote Wien zu Beginn der 1920er Jahre das Recht auf Wohnen postuliert hat, kontinuierlich soziale Wohnungen errichtet, etwa 7.000 Einheiten jährlich.

    Da Wien aus seiner Geschichte heraus eine sehr kompakte, dichte Stadtstruktur besitzt, ist eine innere Verdichtung kaum möglich und die Stadt erweitert sich an ihren Rändern.

     

    So entstehen zwangsläufig neu geplante, große Quartiere. Die Dichte am Stadtrand ist dem Zentrum angepasst (BGF: A= 3,0).

     

    Der erste Bezirk, als gewachsene Altstadt mit der zugehörigen, architektonischen Qualität, profitiert von dieser Dichte und erzeugt Atmosphäre und Lebendigkeit.

     

    Dem Stadterweiterungsgebiet am Rand der Stadt, anhand von „Masterplänen“ errichtet und nahezu monofunktional als Wohnen genutzt, fehlt diese Reibung, die aus der Nutzugsmischung und dem mehr oder weniger „zufälligen“ Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansprüche entsteht.

     

    In Wien sind Städtebau und Wohnungsbau getrennte Ressorts, die auch politisch unterschiedlich geleitet werden, was leider zu den oben genannten Schwierigkeiten beiträgt.

     

    Gut funktionieren durch die lange Tradition das Instrument der Wohnbauförderung und die zugehörige Qualitätskontrolle, die durch ein Gremium, bestehend aus Experten unterschiedlichster Fachbereiche, gesichert wird. Dieses Gremium wird jeweils für vier Jahre von politischer Seite bestellt und begutachtet anhand von vier Kriterien jedes einzelne Projekt, das zur Wohnbauförderung eingereicht wird. Architektur, Ökologie, Ökonomie und soziale Nachhaltigkeit sind die „vier Säulen“ anhand derer über die Förderwürdigkeit der Projekte entschieden wird. In allen genannten Punkten muss das Projekt einen geforderten Standard erreichen, um eine Förderung zu erhalten.

     

    Im letzten Jahrzehnt hat sich vor allem der Bauträgerwettbewerb als Verfahren zur Vergabe von Wohnbauvorhaben etabliert. Da die Stadt selbst den Großteil der in Frage kommenden Grundstücke besitzt, ist der Bauträgerwettbewerb ein sehr geeignetes Mittel, um ein generell hohes Gestaltungsniveau als Grundlage einer Vergabe einzufordern und in der Bauphase abzusichern. Da Qualität in allen beschriebenen Teilbereichen von Beginn an Bestandteil des Vergabeverfahrens ist, entstehen hier weder zusätzliche Kosten noch zeitliche Verzögerungen.

     

    Die in den letzten Jahren fertig gestellten Bauten, aus diesen Bewerben entstanden, beweisen einerseits den hohen Standard des Wiener Wohnbaues, andererseits zeigen sich hier aber auch die Schwächen des Systems.

     

    Die Wohnbauförderung dient der Wohnraumschaffung. Bis zu einem Drittel der förderbaren Flächen könn(t)en aber für anderweitige Funktionen genutzt werden, um eine durchmischte, urbane Lebensqualität zu erreichen, die auch in Wien in öffentlichen Diskussionen von allen Seiten gewünscht wird.

     

    Die oben beschriebene innerstädtische Dichte in den Stadterweiterungsgebieten wird aber fast ausschließlich mit Wohnungen erzeugt. Nutzungsdurchmischung wird nicht explizit (zusätzlich finanziell) gefördert und politisch viel zu wenig gefordert. Somit ist der Druck in den urbanen Stadterweiterungsgebieten andere Nutzungen zu etablieren, gering.

     

    Unter dem Titel der sozialen Nachhaltigkeit als Qualitätsfaktor des Wiener Wohnbaues müssten hier diese möglichen Sondernutzungen und Flächen dazu  vehement eingefordert werden, um so die an den Stadträndern errichtete innerstädtische Dichte auch mit den adäquaten Inhalten und Raumqualitäten auszurüsten.

     

    Die Wiener Genossenschaften sind kompetent im Umgang mit Wohnungsbau. Es besteht derzeit aber keinerlei rechtliche Verpflichtung einen bestimmten prozentuellen Anteil anderer Nutzungen zu etablieren. Dementsprechend ist ein Supermarkt irgendwo in der Erdgeschoßzone schon das höchste der Gefühle, da die Errichtung und Bewirtschaftung andersartig genutzter Flächen andere Verwaltungsapparate benötigen würden. Ohne politischen Druck wird sich hier nichts ändern, da das Wiener Wohnbaugenossenschaftsmodell, über einen langen Zeitraum entwickelt und optimiert, sich nahezu ausschließlich auf „Wohnen“ spezialisiert hat.

     

    Die vielen Erdgeschoßwohnungen mit vorgelagerten Privatgärten in den Wiener Stadterweiterungsgebieten mit all den bekannten, zugehörigen Problemen zeugen von dieser Misere.

     

    Und hier liegt ein Grundproblem: Wohnbau ist zwar eindeutig der „Inhalt“, aber Wohnbau allein erzeugt keine Urbanität und seien die Wohnungen auch noch so schön.

     

    Ist das Erdgeschoß erst einmal privatisiert, gibt es kein Zurück mehr und der öffentliche Raum ist für immer verloren.

     

    „Stadt“ als großmaßstäbliche Organisation für einen (unendlich) langen Zeitraum, organisiert die komplexen Vorgänge außerhalb der eigenen vier Wände passiert, alles was öffentlich und veränderbar ist. „Wohnen“ ist vergleichsweise einfacher strukturiert - die menschlichen Grundbedürfnisse - Kochen, Essen, Waschen, sShlafen- haben sich noch nie geändert und es schaut auch nicht danach aus.

     

    Öffentlichkeit jedoch, ist die wesentlichste Komponente der Stadt, die besondere architektonisch-räumliche Charaktere ausprägt, die von den täglichen Nutzungen und den Mentalitäten ihrer Bewohner bestimmt werden. So entstehen emotionale Räume, die das Bild unserer Städte prägen und es sind diese emotionalen Räume, die uns in Erinnerung bleiben und unser Bild der Stadt definieren: zum Beispiel: Paris mit seinen breiten Boulevards, London mit den Vorgärten, Barcelona mit den einzigartig  abgeschrägten Ecken (Eixample) etc.

     

    Städte schrumpfen oder wachsen, je nach demografischer Entwicklung und den politischen Zuständen in der Welt. Die europäische Stadt, als über die Jahrhunderte gewachsene Struktur verkraftet diese Prozesse und behält trotz Wachstum oder Schrumpfung ihre Identität.

     

    Diese „Elastizität des Stadtkörpers“ ist es, was die Stadt vom Gebäude unterscheidet. Ein einzelnes Gebäude kann als Solitär vom Auftraggeber in seiner Funktion definiert vom Architekten fix und fertig geplant und gebaut werden.

     

    Das Gebäude- und damit der Wohnbau - als Teil der Stadtstruktur - kann niemals „fertig“ sein. Die Stadtstruktur muss in sich immer genug Spielraum für Unvorhersehbares beinhalten, bei gleichzeitiger Erschaffung identitätsstiftender Öffentlichkeit. Und dafür muss auch in neu zu errichtenden Städten oder Quartieren Platz sein. Und dieser „Raum“ ist nicht funktionell und auch nicht mit Quadratmeterzahlen fassbar. Weil er aber jedenfalls eine räumliche Dimension braucht, scheint es uns adäquat dafür unter dem Begriff „unfertig“ Reserven vorzusehen.

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Text im Buch „Werner Sewing. No more learning from Las Vegas – Stadt, Wohnen oder Themenpark?”, herausgegeben von Florian Dreher und Christine Hannemann, Spector Books, Leipzig, 2016

     

    Werner war einer der ersten „Berliner“, den ich im Oktober 2006, gleich zu Beginn meiner Tätigkeit an der Universität der Künste Berlin kennengelernt habe.

     

    Das Interesse war durchaus beidseitig - Werner als studierter Soziologe und Architekturtheoretiker war uns schon 2003 beim 11. Wiener Architekturkongress im Architekturzentrum Wien durch seinen äußerst eloquent und unterhaltsam vorgetragenen Beitrag „Zukunft nach der Avantgarde“ aufgefallen und Wien mit seinem sozialen Wohnbau, der die Stadtentwicklung schon seit seiner Entstehung in den 1920er Jahren entscheidend geprägt hat, war ein Thema für ihn.

     

    Später bei einem Vortrag in der Österreichischen Gesellschaft für Architektur hat er keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Kombination von Coop Himmelblau und Europäischer Zentralbank „völlig daneben“ fand. Die Interessen von Jungen Wilden und alten Banken könnten in seinen Augen nur diametral auseinanderlaufen: „Fun“ und „Sicherheit“ widersprechen sich eben. Sein Kommentar zum, unserer Meinung nach gelungenem, Ergebnis würde uns sehr interessieren ...

     

    Seine Neugierde an allen menschlichen, sozialen Beziehungen und sein Interesse für Architektur mussten wohl zwangsläufig zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit an allen Wohnbauentwicklungen führen.

     

    Wir haben viel über den englischen Wohnbau der 50er - 80er Jahre gesprochen. In dieser Zeit ist in London eine Vielzahl von beispielhaften Wohnquartieren entstanden, die einerseits die Qualität der einzelnen Wohnung durch die Entwicklung komplexer, meist mehrgeschoßiger Wohntypologien steigern und die in ihrer Addition auch eine neue, kommunikative, höchst urbane Qualität der Erschließungszonen liefern.

     

    Strukturalismus, Brutalismus und das Team Ten waren zentrale Themen.

     

    Robin Hood Gardens von Peter und Allison Smithson zum Beispiel, die Golden Lane Estate von Chamberlin, Powell and Bon, oder die Projekte von Ernö Goldfinger (z.B. der Trellick Tower) zeigen großvolumigen Wohnbau völlig neuer Dimension:

     

    Die Verschachtelung mehrgeschoßiger Wohnungstypologien, mit unerwarteten architektonisch-räumlichen Qualitäten und wohnungszugeordneten Freiräumen ermöglichen eine Komplexität der Wohnungsstruktur in Kombination mit einer effizient minimierten, aber dafür großzügigen Erschließungsstruktur.

     

    Die konkreten Utopien der 60er Jahre einer neuen, in die Höhe gestapelten Urbanität mit vertikalen Straßen generieren eine völlig neuartige, gemeinschaftliche Idee von Öffentlichkeit.

     

    Eine Komplexität, die durch Restriktionen in den bestehenden Bauordnungen in Deutschland und Österreich heute kaum mehr erreichbar ist. Gerade heute, wo neu gebauter, leistbarer Wohnraum ein zentrales Thema darstellt und Platz für architektonische Experimente und Entwicklungen dringend notwendig sind um architektonisch wertvolle, zukunftsfähige, robuste Lösungen für die Wohnungsfrage zu finden, ist die Beschäftigung mit dem englischen Wohnbau dieser Zeit eine wertvolle Ressource, die noch viel zu wenig aufgearbeitet wurde. Zwei - oder mehrgeschoßige Wohntypologien sind heute aus Gründen einer Übergewichtung von Kriterien der Barrierefreiheit fast gar nicht mehr möglich, obwohl die Beschränkung auf eingeschoßige Wohneinheiten zwangsläufig eine komplexe Kombinatorik und damit eine dreidimensionale Entwicklung der Wohnbauten verhindern. Eine regelrechte Verarmung und Simplifizierung des Stadtkörpers ist die absehbare Folge.

     

    Besonders die Bauten von Denys Lasdun fand Werner ihrer Kleinteiligkeit wegen und durch ihren Bezug zum bestehenden Stadtkontext interessant.

     

    Über unser gemeinsames Interesse, vor allem am sozialen Wohnbau, der Wien als wachsende Stadt, nach wie vor entscheidend definiert, ist unsere Zusammenarbeit im Rahmen der Architekturbiennale 2008 entstanden. „Wohnbau“ war eines meiner drei zentralen Themen als Kommissärin des österreichischen Pavillons dieser Biennale und ich habe Werner gebeten, einen Blick „von außen“ auf die österreichische Wohnbausituation zu werfen. Wir haben festgestellt, daß Wien und Berlin, so unterschiedlich die Städte erscheinen, mentalitätsmäßig erstaunlich kompatibel sind.

     

    Werners Lieblingszitat (zum Thema Wohnbau) „vorne Kuh´damm, hinten Ostsee“ (Kurt Tucholsky) passt da als Erklärung eigentlich auch ganz gut.

     

    Unserer Meinung nach ist Wohnbau das essenzielle architektonische Thema, zu dem jeder Architekt eine fundierte Haltung haben muss, egal ob er in diesem Bereich schon gebaut hat oder auch nicht. Architektur wird heute viel zu sehr in spezifische Bereiche eingeteilt, wo der Architekt seine Expertise fast ausschließlich mit gebauten Leistungen im jeweiligen Bereich beweisen muss. Eine völlige Verkennung des Berufsstandes! Gerade eine frische, unverbrauchte Sichtweise bringt oft die entscheidenden Impulse für eine Weiterentwicklung.

     

    Um diese These zu stützen, haben wir im Rahmen des Biennale Beitrages sieben Architektenteams quer durch Österreich ausgewählt, die Werner im Rahmen einer „Österreich - Rundfahrt“ besucht und interviewt hat. Alle Teams - Maria Flöckner und Hermann Schnöll in Salzburg, henke und schreieck Architekten in Wien, Jabornegg & Pálffy in Wien, Marte.Marte Architekten in Vorarlberg, Wolfgang Pöschl in Tirol, Riegler Riewe Architekten in der Steiermark und Gerhard Steixner in Wien -  haben wichtige Bauten realisiert, aber nicht im Wiener sozialen Wohnbau.

     

    So ist eine von Werner durch seine außergewöhnliche Sprach- und Moderationsbegabung animierte, erfrischende Zusammenschau von anregenden, unterschiedlichsten Meinungen zum Thema entstanden.

     

    Auch die internationale Konferenz „Residential Building As Motivation“ die wir im Rahmen unseres Biennale Beitrages am 03 und 04. Oktober im Österreichischen Pavillon in Venedig veranstaltet haben, hat Werner brillant moderiert. Weil Werner aber, wie mir scheint, das gesprochene Wort dem geschriebenen zumindest gleichgestellt hat, wenn nicht vorgezogen, gibt es in der Publikation zur Konferenz keinen Beitrag von ihm zu Moderation und Diskussion. Auch seine Moderation unserer „Abstract City“ Konferenz „Urbanes Hausen“, im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der Universität der Künste Berlin entwickelt und in Zusammenarbeit mit dem Aedes Network Campus und der Stadt Wien im Mai 2010 in Berlin veranstaltet, ist nicht in schriftlicher Form vorhanden.

     

    Vielleicht passt das aber auch wieder ganz gut - sein Denken und Sprechen war einfach immer in der Zukunft!

    Bettina Götz und Richard Manahl, ARTEC Architekten
    Erschienen im Zuschnitt 71, proHolz Austria, Wien, 2018

     

    Unser Bauen ist heute mehr denn je geprägt von individueller Formfestlegung bei standardisierter Nutzung und objektbezogener Vor-Ort Herstellung. Die Ansprüche der Benutzer nach räumlich großzügigen Bauten mit geringer Vorprägung der Nutzungsart würden jedoch vielmehr einen zeitgemäßen und adäquaten Umgang mit den heutigen Möglichkeiten der Produktion - nämlich der Herstellbarkeit von hochwertigen, vorgefertigten und damit schnell montierbaren Raumstrukturen benötigen.

     

    Denn unsere beliebtesten städtischen Wohnformen sind noch immer die gründerzeitlichen Spekulationsbauten, für ihre Zeit hochgradig standardisierte, nutzungsoffen konzipierte Bauten mit großer Raumhöhe und großzügiger Erschließung. Meist nur eingeschränkt durch Fenster- und Kaminwand weisen die verwendungsmäßig nicht vorgegebenen straßenseitigen Raumnutzungen einen hohen Freiheitsgrad in Längsrichtung auf, und werden hofseitig begleitet von den jeweils zugehörigen Funktionsräumen. Damit - auch unter Berücksichtigung aller hier nicht erwähnten Problematiken - sind im 19. Jahrhundert unsere Städte nachhaltig erweitert worden. Einer der wesentlichen Faktoren dafür, daß das funktioniert, ist die grundsätzliche Offenheit der Strukturen im vorvorigen Jahrhundert, insofern als eine Raumwidmung „Zimmer“ in Wien vor 1930 z.B. sowohl Wohn- als auch Geschäftsräume umfasst hat, eben weil sowohl Raumhöhe als auch Raumzuschnitte dementsprechend neutral gehalten waren. Und vor dieser Frage zur Erweiterung der Stadt stehen wir heute wieder, mit der klaren Erkenntnis, daß diese Offenheit in der Stadterweiterung sowohl des 20. wie auch des bisherigen 21. Jahrhunderts in keiner Weise mehr zugelassen ist.

     

    Das zwanzigste Jahrhundert hat im großmaßstäblichen Wohnungsbau auch bei der Thematik der Vorfertigung bedauerlicherweise zu keinen nachhaltigen Lösungen gefunden. So blieben die innovativsten Anstrengungen, das Bauen auf intelligente Weise mithilfe einer neuen Technologie zu standardisieren, realisiert u. a. in Einfamilienhäusern wie den Case Study Houses und in den ikonischen Objekten von Fuller oder Prouvé, fast ausschließlich auf kleine oder kleinteilige Objekte beschränkt. Und so bedeutend die 5 Punkte von Le Corbusier für eine Neudefinition des architektonischen Denkens zum Jahrhundertbeginn sich auswirkten, für eine standardisierte, vorgefertigte Bauweise waren sie nicht gedacht. Schlussendlich triumphierte im Osten wie im Westen die anspruchslose vorgefertigte Betonplatte, wahlweise auch mit Fenster- oder Türloch und einer Raumhöhe von 2,5 Meter.

     

    In der Stapelung von vorgefertigten Bauteilen, obwohl diskreditiert durch die massenhaften Betonplattenbauten der 1950er Jahre und danach, die keinerlei Spielräume für Gestaltung oder Raumanspruch ermöglichen, sollte trotzdem der Weg zu einer neuen und brauchbaren Einfachheit zu finden sein: Durch das Übereinanderstellen vorgefertigter Holzmodule, die räumlich und lastabtragend mit Infrastruktur ausgestattet, autonom funktionieren können. Oder durch eine Stapelung von vorgefertigten Decks, freien Flächen, die dann einen Ausbau mit einfachen, nicht lastabtragenden und brandanspruchslosen Bauelementen ermöglichen und somit wiederum den Einsatz vorgefertigter Holzelemente ermöglichen.

     

    Während das einfache Aufeinanderstapeln gleicher Einheiten dicht an dicht fast zwangsläufig zu Monotonie nicht unähnlich dem Plattenbau führen wird (schon der dabei verwendete Begriff der „Raumzelle“ ist entlarvend), ist beim offenen Deck mit freier Füllung Varianz und Leerstelle Programm. Durch eine Verwendung von Boxen als Trag- und Infrastruktur, mit dazwischen eingehängten einfachen Deckenelementen für ergänzende, nutzungsneutrale Räume, könnten solche Varianzen auf ähnliche Art auch bei den gestapelten Schachteln erreicht werden. Für eine spätere Um- und Weiternutzung bleiben eben die schon erwähnten Voraussetzungen wie großzügige Raumhöhe und einfacher Veränderbarkeit des Inneren wesentliche Grundbedingung.

     

    Einer der wenigen Beiträge in der Hauptausstellung der diesjährigen Biennale, der sich mit Wohnungsbau oder Vorfertigung beschäftigt ist ein Projekt von Michael Maltzan in Los Angeles. Das Projekt zeigt exemplarisch Möglichkeiten und gleichzeitig auch Grenzen der gestapelten Schachteln auf: über einer frei geformten, mehrgeschoßigen Topografie aus Ortbeton, worunter in Bezug zum Straßenniveau allgemeine städtische Funktionen zu finden sind, werden die vorgefertigten hölzernen Boxen zu nachbarschaftlich zusammengefassten Cluster-Türmchen aufgestapelt, und schaffen es so zu einer merk- und identifizierbaren stadträumlichen Figur mit innenräumlichen Qualitäten auch im Bereich der seriellen, gestapelten Raumzellen zu werden.